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Aufführungen von Kompositionen Pierre Boulez‘ sind nicht rar, doch beileibe nicht so häufig, als dass man es sich leisten könnte, die im Pierre Boulez Saal stattfindenden Boulez-Abende zu ignorieren. 

Nun spielt das Boulez Ensemble Le marteau sans maître von 1955. Donatienne Michel-Dansac singt, François-Xavier Roth leitet.

Boulez‘ Werk besteht aus neun Sätzen. Als Textgrundlage dienen drei Gedichte René Chars von 1934, L’Artasinat furieux, Bel Édifice et les pressentiments und Bourreaux de solitude. Jedes Gedicht ist Teil eines kleinen Zyklus von 2, 3 bzw. 4 Sätzen. Der Komponist verschränkt die 3 Zyklen kunstvoll. Jedes Gedicht erklingt mindestens einmal mit Altstimme. 4 Sätze sind vokal, 5 Sätze sind rein instrumental. L’Artasinat furieux sind 2 Sätze zugeordnet (avant, après), Bourreaux de solitude 3 Sätze (commentaries I – III), Bel Édifice et les pressentiments ist 1 Satz zugeordnet (double). Bourreaux de solitude besetzt alle Sätze mit geraden Nummern (II, IV, VI, VIII). Nur einmal, im Zentrum des Werks, klingen zwei Sätze mit Altstimme nacheinander (V, VI). Nur Bel Édifice et les pressentiments erklingt zwei Mal mit Singstimme. Keines der Instrumente spielt in allen 9 Sätzen. Kein Satz weist dieselbe Instrumentenzusammensetzung auf. Längstes (VI) und kürzestes Stück (VII) folgen unmittelbar aufeinander.

Alles klar?

Le marteau sans maitre Boulez Ensemble Roth

Roth, der nach der Pause sympathisch knapp ins das Werk einführt, bevor Le marteau sans maître ein zweites Mal erklingt, nennt das obsessive Formbewusstsein dieser Musik hyperstructure. Ist dieses Bewusstsein typisch westlich, so weist der Klang weit über das Europäische hinaus. Eine fernöstliche Note macht sich deutlich hörbar. Ungeachtet aller Strenge wirkt Boulez‘ Komposition auch spielerisch und elegant (Satz I), was bis ins Tänzerische gehen kann (II). In jedem Satz verbinden sich Strenge und Schönheit auf neue Weise. Erstaunlich auch, wie Boulez eminent koloristisch schreibt. Selbst wenn lediglich drei Instrumente spielen (III), ist das Timbre reich, ja üppig. Unverkennbar steht Boulez in der Entwicklungslinie Debussy-Ravel-Messiaen. Obwohl in einigen Sätzen durchaus verschiedene Abschnitte erkennbar sind (II, V, IX), bleiben die jeweiligen Sätze in Textur und Struktur sehr homogen. In IX kommt dann auch ein Ticken Pathos (Gongs!) zum Zug.

Donatienne Michel-Dansac (Altstimme) bewältigt die Anforderungen souverän. Melismen, ja virtuoses Feuer prägen L’Artasinat furieux. In Bel Édifice et les pressentiments – version première trennen lange Zwischenspiele die Gedichtstrophen. Der Ausdrucksgestus der Singstimme ist artifiziell, wobei Michel-Dansac immer wieder eine durchaus dramatische Intensität herstellt. Im Double von Bel Édifice et les pressentiments ist plötzlich Wärme im Spiel. Dort wird auch das Verlöschen des Klangs thematisiert.

François-Xavier Roth leitet mit knappen Gesten. Bei bewegten Sätzen beginnt Roth vorsichtig mit den Schultern zu schwingen, wagt sogar Andeutungen tänzerischer Schritte. Roths genaue Zeichengebung zu beobachten ist ein Vergnügen. Das Boulez Ensemble setzt sich heute aus Anne Romeis (Flöte), Lev Loftus (Schlagzeug), Ori Kam (Bratsche), Adrian Salloum (Xylorimba), Pedro Torrejón González (Vibraphon) und Seth Josel (Gitarre) zusammen.

So ungewöhnlich die formale Konzeption von Le marteau sans maître ist, so wenig war der ungemein konzentrierte, aufschlussreiche Abend eindeutig als Liedrecital, Kammermusikabend oder doch vielleicht als Orchesterkonzert einzuordnen.

Täusche ich mich oder war die zweite Aufführung etwas kontrollierter?

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