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Drei ausgewachsene Bühnenwerke schickt die Staatsoper Berlin ins Getümmel der Barocktage 2018. Als erstes wagt sich Monteverdis rätselhaft pralles Spätwerk L’Incoronazione di Poppea in der Regiearbeit von Eva-Maria Höckmayr aus der Deckung. Eine minimalistisch aufgebogene Bühnengoldfolie als Tummelplatz für Eros, Eifersucht und Ekstase, ein geschmackvoll güldener Kostümreichtum und eine psychologisch subtile Personenführung. So einfach geht Regisseurin Höckmayr vor. Ihr Monteverdi ist erstaunlich kurzweilig (bei gut dreieinhalb Stunden Bruttospielzeit) und geht doch unter die Opernhaut. Nur bei der Dauerfummelei in Akt 2 wird’s dröge und zu Seneca fiel Höckmayr wenig ein.

L'Incoronazione di Poppea an der Staatsoper Berlin

15 Stimmcharaktere fügen sich zu einem Universum menschlicher Affekte, in dem Hoch und Niedrig, Böse und Gut, Durchtrieben und Nobel muntermenschlich durcheinanderschießen wie später nur noch in Don Giovanni oder Figaros Hochzeit.

Countertenor Kangmin Justin Kim (für den ursprünglich angesetzten Max Emanuel Cenčić) stellt einen agilen, aufregend präsenten und androgynen Nero auf die Bühne, der mit schlangenhaft flexiblen Gesangslinien und differenzierter Tongebung selbst Monteverdi-Skeptiker zu überzeugen vermag und nebenbei ein feines Näschen für Drama und hohes Gefühl beweist. Sah Cenčić den Nero als von den eigenen Dämonen getriebenen Kaiser (mit weißglühendem Counter), deutet Kim den Imperator als empfindsamen Künstler, leicht im Klang und wiegend im Rhythmus der Phrasen. Einen Wechsel gab’s auch bei Poppea. Vor Jahr und Tag gab Anna Prohaska die Poppea als rätselhaft kühle Sphinx mit Lolita-Charme. Nun ist Roberta Mameli an der Reihe, und dieser Poppea ist nichts Weibliches fremd. So singt Mameli mit fokussierter Linie und farbenleuchtend vom sinnlichen Glück. Auf die schönheitstrunkenen Duette von Kaiser und Kurtisane dürften selbst Tristan und Isolde neidisch sein.

Bravurös neben dem hochniedrigen Liebespaar behaupten sich Xavier Sabata (Ottone mit lyrisch umflortem Counter), Katharina Kammerloher (Ottavia, mit anrührender Trauer) und Franz-Josef Selig (Seneca, seifig-nobel), die fein singende Sophie Junker (Drusilla, mit leuchtenden Jubelgirlanden) und der Adam Kutny (Lucano, kraftvoll). Eine Besonderheit von L’Incoronazione di Poppea ist die schonungslose Sicht auf den Lauf der Welt aus der Perspektive der Dienenden. Unter diesen tummeln sich die beiden Ammen von Mark Milhofer (die durchtriebene und vokal imponierende Arnalta) und Jochen Kowalski (Nutrice), ferner die beiden Soldaten von Daniel Arnaldos und Florian Hoffmann. Das allegorische Personal wird von Lucia Cirillo (Amore, auch der gewitzte Valletto), Sónia Grané (Fortuna, auch die kecke Damigella) und zwei Solisten des Kinderchors gestellt.

Diego Fasolis bereitet mit der Akademie für Alte Musik umsichtig den Boden für die Schmerzenstöne und das Glücksfrohlocken der Sängersolisten. Aber den ganz großen Theateratem höre ich heute Abend nicht aus dem Graben fauchen.

Ein ganz guter Text zum Einlesen in die Problematik rund um Monteverdis letzter Oper ist der Beitrag von Ottavio Dantone anlässlich der diesjährigen Zürcher Neuproduktion (ganz unten, „Monteverdi erreicht fast jedes Publikum“).

Foto: Bernd Uhlig


Weitere Berichte: Premierenkritik vom Dezember 2017: Kai Luehrs-Kaisers Kritik sowie U. Amlings Besprechung Elementare Einsamkeit.

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