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Premiere Otello an der Bayerischen Staatsoper München. Super-Superstar Jonas Kaufmann durchlebt als Otello schwere Verdi-Stunden. Am Ende muss der geflügelte Tenor-Löwe (der alata Leon der Eingangsszene) vokale Wunden lecken. An seiner Seite singen Anja Harteros und Gerald Finley. Otello wird wohl nicht die Kaufmann-Oper par excellence werden.

Otello Jonas Kaufmann

Über die Inszenierung von Amélie Niermeyer anlässlich des Livestreams am 2. Dezember bitte hier lesen!

Ich höre BR Klassik.

Jonas Kaufmann als Otello. Es ist nicht Kaufmanns Rolle, wird es nie sein. Zahlreich sind jene Stellen, die man stirnrunzelnd hört, seltener die Passagen glückenden Verdi-Gesangs.

1. Kaufmann hat keine Otello-Stimme. Im grausam exponierten Esultate reißt Jonas Kaufmann nicht mit. Die Proklamation hat keine artikulatorische Dichte, keine rhetorische Wucht. Die Wut von Abbasso le spade! (Akt 1, als Cassio knülle ist) klingt bemüht. Den Sangue-Rufen fehlt jedes viril Vibrierende. Das Addio ist eine Ruine. Kaufmanns Otello fehlt die Selbstverständlichkeit sicheren Verdi-Singens.

2. Denn die Stimme des bayrischen Tenorissimo klingt quasi pausenlos angestrengt. Farblos die angespannte Höhe, alles andere als natürlich die Tiefe. Vokale gehen im Bermuda-Dreieck eines matten Grau-in-Graus verloren, Già nella notte densa quillt wie nassgewordenes Popcorn. Ancora un bacio fehlt die Sinnlichkeit. Gerne tönt einem Falsettsäuselei entgegen. Das ist für den Hörer erst mal hartes Verdi-Brot. Erst allmählich schält sich eine beklemmend intensive Rolleninterpretation heraus.

3. Die Intelligenz ist da, war bei Kaufmann ja immer da. Aber die intelligente Ausdeutung verdrängt die Gesangslinie. Da ist viel Ausdruckswollen, aber wenig Singen. Exemplarisch das tragisch traurige È il fazzoletto ch’io le diedi, pegno primo d’amor. Ist das wirklich Verdi-Gesang? Oder sind es gekünstelte Affektgebärden? Aber wie viel Kraft und Schönheit liegen plötzlich auch in Kaufmanns Singen verborgen.

4. Auf der Habenseite stehen die Ausbrüche der Eifersucht und Wut in Akt 3, die sämtlich Saft haben. Das gilt auch für den gegen Desdemona geschleuderten Fluch. Dio mi potevi, mehr hervorgestoßen als gesungen, wechselt manieriert zwischen Falsett und Vollstimme, gerät aber, was die Dichte des Ausdrucks angeht, packend. Auch Niun mi tema (im Angesicht der erdrosselten Desdemona) hat schlussendlich expressive Wucht.

Kaufmann ist eben nicht das Universalgenie des Tenorgesangs des neuen Jahrtausends, wie eine findige PR-Maschinerie – inklusive des Münchner Haussenders BR – gerne suggeriert. Kaufmann bietet eine faszinierend gebrochene Verdi-Figur, die erstaunlich modern wirkt. Denn Kaufmann interpretiert „seinen“ Otello als Restruine einer einst hegemonialen Männlichkeit. Auch wenn sein Tenor dies nicht immer vokal beglaubigen kann.

Desdemona zählt nicht gerade zu den komplexesten von Verdis Frauengestalten. Dennoch singt Anja Harteros eine anrührende, beseelte Desdemona aus Fleisch und Blut, mit schönen Piani, angenehm textverständlich, der lyrische Fluss schlängelt sich mit Ausdrucksintelligenz um Vokale und Konsonanten. Dass inzwischen hörbare Schärfen in der Höhenlage bei Harteros dazugehören, ist nicht weiter schlimm. Dass ihr Italienisch nicht das sexyste ist, ist bekannt. Das ist der Zauber reifer Stimmen. In der Höhe ist das Vibrato deutlich. Voce klingt wie wotsche. Ihr Akt ist der vierte, den sie mit herber Ausdruckskunst meistert.

 

Der dämonische Iago liegt in den vokalen Händen von Gerald Finley, wobei dieser Iago ein Theaterschurke mit Betonung auf „Theater“ ist, ein teuflisch gewiefter Schönsinger, kein finsterer Unhold, eher intellektuell böse, ein Iago mit Mephisto-Gen. Ihm liegt die feinsinnige Ausdeutung mehr als pfundiger Klang. Die fehlende Höhe beeinträchtigt das Credo. Dalla viltà d’un germe wird nicht gesungen, sondern geflüstert. Das grübelnde E poi? und Aiuta, aiuta Sàtana il mio cimento! klingen, als käm’s von Joachim Sauer. Finleys Bariton ist in der Mittellage aufregend timbriert und nach oben tenoral aufgehellt. So klingt Finley in der großen Szene in Akt 2 heller als Kaufmann, hier habe ich bis zum Pel cielo Otellos geradezu den Eindruck einer Sprechszene. Ausdeutungs-Genie steht bei Finley neben Detail-Wahnsinn. Man höre das grandiose Temete, signor, la gelosia! und direkt folgend der manieriert zersäuselte Bericht von Cassios Traum. Mitreißend ein paar Momente später Talor vedeste in mano di Desdemona.

Evan Leroy Johnson singt den Cassio mit schlanker Tenorstimme, Galeano Salas den Roderigo. Weiter singen Rachael Wilson (Emilia, schöner Soccorso-Ruf), Milan Siljanow (Montano), Markus Suihkonen (der Araldo, schön La vedetta del porto, Beginn Akt 3) und Bálint Szabó den wohlklingenden venezianischen Gesandten Lodovico.

Die Münchner Otello-Premiere kommt ohne einen einzigen italienischen Sänger aus. Dem eher deutschen, sprich ausdrucksorientierten Zugang ordnen sich Kaufmann, Harteros und Finley unter. Das gibt der Premiere eine leichte Schlagseite. Und Petrenko?

Otello zählt zu den klassischen Opernspätwerken. So konzentriert, so abgründig ernst, so dunkel komponierte Verdi selten. Und doch gibt’s im Otello ganz konventionell Trinklied, Rachearie, Fluchduett, Gewitter- und Massenchorszene, nur die klassische Arie hat ausgedient. Der Verdi, den Kirill Petrenko in München dirigiert, tönt sehnig, drängend, im uragano (Sturm) durchzucken ihn scharf gezackte Blechfanfaren, die die Partitur mit schwindelerregenden Tiefblicken aufreißen. Petrenko holt Details heraus, findet leise Töne, lässt die todtraurigen Holzbläser zum Eingang von Akt 4 erregend genau spielen. Die Wärme des Melos im Liebesduett interessiert Petrenko weniger. Auch die dunkle Wucht meidet er, die drängenden Bassfiguren zu Eingang von Akt 2 klingen neutral. Volle Pulle heißt es dann im Finale von Akt 3. Ansonsten achtet Petrenko darauf, Jonas Kaufmann nicht zu überdröhnen. Das ist ein sehr straff geschnürter Otello, voll des angeschärften Brios, aber doch ohne italienische Glut. So richtig liegen tut Otello Petrenko wohl eher nicht.

Foto: W. Hösl


Weitere Kritiken der Münchner Otello-Premiere mit Jonas Kaufmann: Teutonischer Verdi-Schlagabtausch von M. Brug.