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Sasha Waltz ist an der Staatsoper Unter den Linden das Glück nicht immer hold.

Neben dem feinen Opern-Dreiblatt Dido und Aeneas, Medea und Matsukaze lieferte Waltz einen tranigen Tannhäuser und den staubgrauen Sacre ab. L’Orfeo, Premiere 2015, hat von beidem etwas. Monteverdis Favola in musica in der Version Sasha Waltz geht unter die Haut, hat aber auch Nerv-Potenzial.

Sasha Waltz lässt auch in L’Orfeo eloquent Tänzer über die Bühne wogen. Blitzschnell – hast du nicht gesehen! – formen sie komplexe Körperknäuel. Die choreographische Strategie zielt zugleich auf poetische Verdeutlichung und auf Verrätselung von Gebärden und Szenen.

Das Ergebnis sieht anfangs schwer nach Ringelpiez mit Anfassen aus. Vor lauter Hupfdohlen sehe ich kaum die Bühne. Früchte und Gräser aus Feld und Flur verbreiten pastorales Flair (können die Typen hinter der Gucci-Werbung sowas nicht besser?) Waltz‘ Blick auf die Antike neigt mal wieder zum blutleer Bildungsbürgerlichen. Trauernde posieren wie weiland bei Poussin. Und dann auch das noch. Die Sänger hüpfen, hopsen, lassen die Arme kreisen. Aber spätestens in Akt II kriegt Waltz die Kurve. Unversehens verspürt man die produktive Dialektik von inszeniertem Tanz und affektgeladenem Gesang. Das Ganze ergibt plötzlich Opern-Sinn und wird zur berührenden Parabel über Liebe, Sterben, Tod, die das Publikum am Ende heftig beklatscht. Aber ein Buh gibt es.

Um Claudio Monteverdis Frühwerk kümmert sich eine erlesene Sängerschar.

Sängerisches Epizentrum ist der Orfeo von Georg Nigl. Außerordentlich ist doch wohl sein metallisches, schmerzhaft intensives Timbre, insbesondere der Vollstimme im oberen Register, wo die Stimme sich zu aggressivem Schmelz härtet. Als es Orfeo das Herz bricht, weil seine Euridice zum zweiten Mal stirbt, schüttelt es den Zuhörer vor Schönheit. Ausdrucksmittel sind auch die unmittelbaren Wechsel von Laut und Leise. Freilich hat Nigl auch seine Fehlerchen. Sein Italienisch ist knorrig wie deutsches Eichenholz. Bei Melismen, Trillern, Verzierungen liefert Nigl belcantistische Hausmannskost. Doch bei alldem sei es gesagt, Nigl singt die Titelrolle mit musikalischem Reichtum und als bannende Ausdrucksmusik.

L'Orfeo Sasha Waltz Staatsoper Berlin

Sängerinnen der Euridice müssen damit leben, dass Monteverdi die Rolle der Euridice nicht allzu umfangreich gestaltete. Anna Lucia Richter macht mit ihrem kostbaren, glockenklaren und beseelten Soprangesang das Beste daraus, wobei sie für die Musica (im Prolog) interessanterweise einen mehr abstrakten Klang findet. Die Messaggiera von Charlotte Hellekant (auch Speranza) präsentiert sich mit dunklerer Stimme. Hellekant singt in der Höhe durchaus beengt, artikuliert auch nicht so klar wie Richter, der Ton ist weniger rund. Aber er ist voll des Ausdrucks, die Sängerin zeigt sich von ihren Gefühlen förmlich überwältigt, wenn sie Phrase um Phrase baut und zur „Klangrede“ formt. So wächst Messaggiera zu einer tragischen Figur (In un fiorito prato), und ich hätte Ma io, che in questa lingua sofort da capo hören können.

Als Proserpina erfreut Luciana Mancini mit ausdrucksvollem Mezzogesang, ihre bewegende Fürbitte für den unglücklichen Orfeo besitzt etwas statischen, doch konzentrierten Klangreiz. Der Unterweltherrscher, der finstere Pluto alias Konstantin Wolff, lässt sich als indisponiert entschuldigen und klingt bei leisen Passagen nicht im Besitz seiner vollen Basseskraft. Bewunderswert ist das akrobatische Spiel des singenden Unterweltehepaars. Grigory Shkarupa intoniert den Fährmann Charon mit mannhaftem Schwarz. Die Schäfer (pastori) schließen sich zu eindrucksvollen Duetten und Ensembles zusammen und erweisen sich als examplarisch mitleidende Kommentatoren. Als vorbildliche Schäfer singen Julián Millán (auch wohlklingender Apollo), Cécile Kempenaers (auch Nymphe), Terry Wey, Fabio Trümpy, Hans Wijers,, wobei Florian Feth als Geist aktiv ist.

Unter der Leitung von Leonardo García Alarcón musiziert das Freiburger Barockconsort (ein Ableger des Freiburger Barockorchesters) mitreißend lebendig, mal schlicht chorisch (das tiefgründige Posaunenquartett Apollos), mal gestenreich pointierend, immer aber mit auf historischem Instrumentarium aufbauendem Farbreichtum. Dabei verhäkelt Alarcón ingeniös die Stimmen der Gesangs- und Instrumentalsolisten zu einem behutsam ornamentierten Klangteppich. Schlussendlich bauen die zu beiden Seiten der Bühne postierten zwei Handvoll Musiker aus getragenen Sinfonien, spritzigen Ritornellen und feinfühliger Sängerbegleitung eine dramatische Spannung auf, die wiederum bis in die einzelnen Klanggesten der Solisten abstrahlt. Ein Gewinn ist auch das sehr genau, mit viel Verve und rhythmisch geschärft singende Vocalconsort Berlin.

Foto: Sebastian Bolesch


Weitere Kritiken und Besprechungen: die aktuelle Besprechung durch Hundert11 und die Premierenkritik Tränen säen, Gemüse ernten von U. Amling (Tagesspiegel).

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