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Mit viel Vorfreude gehe ich in den Lohengrin (hört man ja sooo selten), um Groissböck, Vogt, Nylund und Smirnowa mal wieder zu hören.

Aufällig sind die Gemeinsamkeiten von Vogt, Nylund und Gantner, der den Telramund singt. Alle drei singen expressiv zurückhaltend, geben der Musik den Vorrang vor der Deklamation, haben helle Stimmen, kolorieren behutsam, und besonders Vogt und Nylund phrasieren mit viel Erfahrung. Als Fitnessprogramm kann Klaus Florian Vogt die Rolle des Lohengrin (ganz brav mit Ansteck-Flügel) kaum nutzen. Mehr als gemessenes Schreiten sieht die Regie (Kasper Holten) nicht vor. Man kennt Vogts Lohengrin, man hat’s schon öfters gehört. Dennoch verblüfft der radikal liedhafte Zugang aufs Neue, Vogt singt gewohnt schwingungsarm und bekommt das Kunststück hin, zugleich sachlich und lyrisch zu klingen. Gerade daraus erwächst jene Kantabilität, die spröde und innig ist. Vogt besitzt allein schon Autorität durch die absolute Text-Verständlichkeit. Anfangs stören mich – wie immer! – das fehlende Legato und Mängel beim Rhythmusgefühl (also italianità). Das zarte Relief des Textes wirkt wie schimmerndes Pastell und lässt doch kaum eine Nuance aus. Ich bin begeistert. Camilla Nylunds weißgewandete Elsa ist eine bannende, eher statuarisch-mütterliche Bühnenerscheinung. Sie singt instrumental, nur die Mittellage klingt belegt und es fehlt heute die klangliche Rundung. Nylunds Spiel streift das Schematische (wie aufwühlend war Annette Dasch!), die kleinen, bedeutsamen Gesten beherrscht Nylund aber aus dem Wagner-Eff-Eff. Für die Mädchenträume von Einsam in trüben Tagen ist die Stimme zu reif. Eine unspektakuläre, doch beeindruckend fehlerlose Leistung.

Lohengrin 2018 Deutsche Oper

Nicht missen möchte ich Anna Smirnowa, die die Ortrud als intrigantes Miststück spielt. Die russische Sopranistin überrascht durch die gute Diktion, sie hat Gefühl für Vokale, Konsonanten, Silben, wichtige und unwichtige Worte. Von russischen oder ukrainischen Sopranen hört man oft genug nur einen gurgelnden Klangstrom. Smirnowas Spitzentöne sind außerordentlich. Ihre fiese Intrigantinnen-Mimik ist aller Musiktheater-Ehren wert. Die Energie des Singens ist groß. Das ist auch bei Martin Gantner (Telramund) so, der viel Zeit auf dem Boden liegend verbringen muss. Gantner verfügt über einen sehr interessanten, nicht großen, aber gut fokussierten, beweglichen und lebhaft vibrierenden Bariton ohne besonders bassige Färbung. Telramunds Vortrag besitzt Spannung und Dramatik. Günther Groissböck (König Heinrich) besitzt eine der prächtigsten Bassstimmen der Gegenwart. Fast muss Groissböck sich hüten vor zu viel Schönheit. Eine gute Leistung bringt Heerrufer Dong-Hwan Lee mit energischer, leichter, fast fliegender Stimme.

Die vier Edlen singen Ya-Chung Huang, Andrew Dickinson, Paull-Anthony Keightley, Bryan Murray, die charmanten Edelknaben Andrea SchwarzbachSaskia Meusel, Cordula Messer, Martina Metzler-Champion. Wer sind denn die anderen vier Frauen-Solostimmen der Brautgemachszene? Der Chor ist ein Traum. Die aggressive Härte der Männerstimmen bläst den Zuhörer um. Warum ist der Chor der Deutschen Oper so viel besser als der der Staatsoper?

Kasper Holtens Inszenierung funktioniert sechs Jahre nach der Premiere gut.

Justin Brown dirigiert. Es geht los mit Schreck. Ich höre das schlechteste Lohengrinvorspiel seit zehn Jahren. Weichgespült und ausgewrungen. Wagner-Softeis für die Tonne. Dann zeigt sich: Brown ist gut, wenn er ruhige Tableaus ausbreiten kann. Die Sänger schweben auf großen Bögen. Justin Brown leitet eher elegant als energisch, eher athmospährisch als plastisch. Manchmal überhört man das Orchester geradezu, so unscheinbar ist Brown drauf. Auffällig die silbrigen Geigen. Aber Umsicht und Übersicht sind top.

Der Lohengrin an der Deutschen Oper ist ein homogene Leistung von erstaunlicher Höhe. Ein Lohengrin ohne überharte Deklamatorik bei den Sängern. Alle artikulieren prägnant. Alle singen.

Foto: Marcus Lieberenz

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