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Die Berliner Philharmoniker spielen Mahler und Bernstein. Gustavo Dudamel gastiert.

Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 5.

Berliner Philharmoniker Dudamel

Dudamel fährt in sinnenfrohem Mahler-Fahrwasser. Rotbackig und diesseitig ist dieser Mahler-Klang – und das bei der zerrissenen Fünften! Linien und Zusammenhang sind locker. Der Gestus ist eher theatralisch als tragisch. Die Sinfonie klingt quietschbunt wie Pop-Art. Der Rhythmus ist mal kurzatmig, mal entrollen die Musiker die Walzeridiome zeitlupenhaft klangverliebt. Ja, es ist bewunderungswürdig, wie locker Dudamel seinen Mahler von der Leine lässt.

So ganz haut es aber nicht hin. Tempo-Unterschiede zwischen Sätzen und Satzteilen (Trauermarsch schleppend, 2. Satz zersplittert und hektisch) machen die Fünfte zu einer Achterbahnfahrt im 4/4- und 3/4-Takt. Klingt das wienerische Phrasieren (in Valse des Scherzos wie Adagietto) nicht anbiedernd? Dafür haben die Linien viel colore und wenig disegno. Die Bläser geben dem symphonischen Affen Zucker, schön die Solotrompete, das saftige und klangstrotzende Solohorn ruft vollmundig in der Elegie des zweiten Trios. Der Trauermarsch klingt vordergründig, der Geschwindmarsch rumpelt. Geheimes Zentrum ist das Scherzo, dieses Walzer- und Ländler-Paradies, Mahlers längstes.

Da musziert einer mit offener Blende. Gustavo Dudamel und die Philharmoniker üben sich in Mahler-Freistil, bevor sie sich im Finale, das daherkommt, als käme es lecker duftend und frisch aus dem Ofen, freischwimmen.

Doch es gibt auch vorher schon Momente, die sitzen. Die schöne Freiheit gerade im Geschwindmarsch. Die Streicher im Scherzo. Der Beginn des nuschelnden und sein Harfen-Pling-Pling ausstellenden Adagiettos. Die komplexen Passagen im Finale, wenn die Stimmen kontrapunktisch durcheinanderschießen, entfesselt von einer überbordenden Phantasie. Da ist die wild drängende Energie, das Wiener Mahler-Blut, der Verzicht auf Abbado’sche, quasiphilosophische Weltentrücktheit.

Das Divertimento von Leonard Bernstein ist lustig, aber uninteressant.


Weitere Kritiken: Hundert11 findet’s „divertierend„.

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