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Jan-Philipp Glogers unter antikapitalistischer Flagge segelnder Finanz-Holländer zählt gewiss nicht zu den beliebtesten Bayreuther Inszenierungen. Doch die im kühlen Business-Milieu angesiedelte Inszenierung ist so schlecht gar nicht. Jetzt sticht sie zum vermutlich letzten Mal in Bayreuth in See.

Ich höre BR Klassik.

 

Vokal ist es keinesfalls eine herausragende Vorstellung, auch musikalisch liegt das eine oder andere im Argen.

Achtung, Achtung! Glogers Holländer ist kein wettergegerbter Seebär im Südwester, sondern ein smarter Rollkoffer-Reisender auf Brautschau. Nur die sinistren Stirnmale verraten den Outcast. Bayreuth-Debütant Greer Grimsley  ist nach dem weichtimbrierten Belcantisten Samuel Youn und dem Heldenbariton zur See Thomas J. Mayer der schon dritte Holländer der Gloger-Produktion. Grimsley, der mit sperriger, wie von Algen und Muscheln verhangener Stimme agiert, ist der dämonischste von ihnen. Gepflegtes Bariton-Legato à la Samuel Youn liegt ihm fern. Weniger Freude macht Grimsleys lederne Kantilene, die nicht mit Vibrato geizt. Den um sein Heil kämpfenden Seefahrer nimmt man dem US-Amerikaner allerdings dank rostigem Timbre ohne weiteres ab. Er entfacht im Monolog das grimmige Feuer des ewig Verdammten, und beglaubigt – vokal, nicht optisch – im rauen Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten den bleichen Schmerzensmann.

Bei Jan-Philipp Gloger wird Senta – Wagners Weib der Zukunft – zur Investitionsmasse geschrumpft. Ricarda Merbeth ist dabei keine jugendlich verschwärmte Hysterikerin, sondern eine Kapitänstocher, die weiß, was sie will. Mit der Energie einer zu allem entschlossenen Wagner-Heroine arbeitet sie am Endziel Erlösungstod. Wenn Merbeth die Partie vibratoreich und mit gefährdeter Höhe bewältigt, so entfaltet der mächtige Sopran doch seine Wirkung. Zwar leidet die in unmaritimer Pappkartonlandschaft angestimmte Ballade an verhobenen Spitzentönen und flacher Tiefe. Doch die Sehnsuchtsflammen züngeln darum nicht weniger heiß, und Merbeth bleibt der Partie weder Erlösungswillen noch die von Wagner geforderte Statur schuldig. Leider lässt die Wortverständlichkeit bei beiden zu wünschen übrig, sobald die Stimme beansprucht wird.

Als Kapitän und jovialer Provinzkapitalist stemmt Peter Rose den Daland mit polternder Biederkeit, wobei sich Rose mit wenig Geschmeidigkeit und ausgebleichter Farbe durch die Partie singt. Selbst die Paradestellen glänzen allenfalls mit erratischer Kantabilität. Die Diktion ist wenig plastisch, die Phrasierung ähnlich flapsig wie bei Wolfgang Koch, muss jedoch ohne dessen souveräne Charakterisierungskunst auskommen.

Vorzüglich fügt sich Rainer Trost mit sehnigem Steuermannstenor ein. Klingt Trost auch angestrengt im Lied, so agiert er umso eifriger in punkto Diktion und Vortrag. Der verliebte Erik (Tomislav Mužek) wird mit Wärme, Nachdruck und ausschwingender Kantilene gesungen. Vorbildlich die Wortverständlichkeit. Als resolute Mary gibt Christa Mayer ein prächtiges Exemplar bürgerlicher Ordnungsliebe ab.

Dirigent Axel Kober betont beim Fliegenden Holländer die Nähe der Spieloper, weniger das Musikdrama. Kober bevorzugt ein klares, bewegliches Klangbild. Das Tempo ist sehr zügig. Weniger dramatischer Atem also als vielmehr ein nervöser, kurzatmiger Puls füllt Wagners romantische Oper mit Balladencharakter (Wagner). So entsteht eine relativ glatte Interpretation – als pars pro toto mag die aseptisch reine Trompetenfanfare vor Wohl kenn‘ ich Weibes heil’ge Pflichten dienen. Dem verklärenden Schluss der Ouvertüre von 1860 gönnt Kober nur einen Schnipsel Erlösungswonne. Zu mühelos auch strahlen die Kulminationsstellen (Schluss des Monologs!), kreuzfidel und ohne maritime Wucht wird die Einleitung zum 3. Akt musiziert. Das Duett Daland-Holländer hingegen klingt lebendig bewegt, und das Ende der Balladenszene gefällt mit schönem Zug. Ungewohnt wacklig der Matrosenchor in den heiklen Stellen des 3. Akt. Besser singt der in blitzsauberen Blaumännern steckende Damenchor des 2. Akts.

Am 3., 7., 12. und 22. August singt John Lundgren die Titelpartie.


Premierenkritiken aus dem Jahre 2012 von Manuel Brug,  Eleonore Büning, Helmut Maurò.