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Drei Jahre nach der letzten Vorstellung von Hans Neuenfels‘ Ratten-Lohengrin öffnet sich in Bayreuth der Vorhang für einen neuen Lohengrin. Der junge US-Regisseur Yuval Sharon inszeniert. Für knisternde Spannung sorgten im Vorfeld jedoch andere Namen. So war der Leipziger-Schule-Maler Neo Rauch als Bühnenbilder angekündigt, und dass nun nach Roberto Alagnas schnöder Absage Piotr Beczała, einer der führenden Interpreten im italienischen Repertoire und trotz umjubelten Dresden-Debüts als Lohengrin noch Wagner-Novize, die Titelpartie singt, hat die Erwartungen weiter gesteigert. Bei Neuenfels‘ ätzend scharfer Deutung dirigierte Andris Nelsons, es sangen Jonas Kaufmann und Annette Dasch. Wenn heuer das Team aus Thielemann, Beczała und Anja Harteros besteht, so steht zu vermuten, dass an Stelle des geschärften Ausdrucks der Jahre 2010 bis 2015 in 2018 seidenweicher Legato-Schönklang tritt.

Genau so kam es auch – jedenfalls fast.

Ich höre BR Klassik.

Bayreuth 2018 Lohengrin 3. Akt

Wenn Regie-Jungspund Yuval Sharon jetzt eine halb mythische, halb extraterrestrische Gesellschaft von Brabantern auf die Bühne stellt, zusammengewürfelt aus Comic, Science-Fiction und Rembrandtkostümen (Antwerpen! Schelde!!), so zielt der US-Amerikaner mit israelischen Wurzeln in eine andere Richtung. Bei Sharon trägt man Puffärmel, weiße Kragen, Sportstreifen am Ärmel, ergeht sich in Gesten-Brimborium, legt die Horcherhand ans Ohr, streckt die Hand herrscherlich aus. Unzählbar sind Art und Form von Kappen, Schirmmützen und Hütchen. Die Männer tragen Flitterstoffröcke, die vier Edlen Sneakers und Hipsterbrille. Als Frauen sieht man Putzkittelfiguren und Kolchosemädls. Da mischt sich die Vermeersche Milchmädchen-Kappe mit dem Werktätigen-Kopftuch. Als einendes Element in diesem fröhlichen Kostüm-Tutti-Frutti (Neo Rauch und Rosa Loy) dient das heilspendende Licht, das die Akteure in neubayreuthisches Blau badet (wahlweise auch als Karajan-Blau zu verstehen).

Die Hauptfiguren tragen zarte Flügelchen, fügen so zu ihrer zwischen Alien und Rembrandt-Niederländer schwebenden Existenz eine weitere hinzu, die von fliegenden Insektenwesen. Der Chor zuckelt als leicht erregbare Mystikermasse über die Bühne, mal grimassierend, mal bass erstaunt. Seine Mitglieder besitzen offenbar die Intelligenz von Gartenzwergen. Eifrig-dümmlich bedrängen diese Chorwichtel im 2. Akt den Heerrufer, bis sie von Telramunds Helfern rüde diszipliniert werden.

Bayreuth 2018 Lohengrin Zeppenfeld

Das zusammenführende Thema dieser Neuproduktion aber heißt Elektrizität. Man wird rückblickend womöglich vom E-Lohengrin sprechen. Die Ankunft Lohengrins geschieht unter Blitzgewittern, während Elsa sich im Feuer eines schnöden Scheiterhaufens windet. Lohengrin als E-Prometheus, als elektrifizierter Heilbringer! Folgerichtig entpuppt sich der Schwan als schimmernd weißes Flugobjekt, das auf einem E-Werk landet, und Lohengrin kleidet sich im Overall des Piloten-Ingenieurs, doch darunter verbergen sich listig Schlips und Hemd. Der breite Gürtel sorgt gar für Göring- und Mussolini-Konnotationen. Lohengrins Schwert: ein Blitz. Der Zweikampf: eine zappendustre Luftschlacht von Seilakrobaten.

Zwischen Emil Nolde und Caspar David Friedrich

Das Bühnenbild (Neo Rauch und Rosa Loy) zeigt zwei Gesichter. Das Elektritzitäts-Thema wird von einem Transformatorenhäuschen repräsentiert, aus dessen Fenster Elsa wie ein todtrauriges Abziehbildchen schaut und Euch Lüften, die mein Klagen singt. Ein kümmerlicher Strommast ragt mittig in den Bühnenhimmel. Isolatoren sind in allen Größen präsent. Das andere, zweite Gesicht des Bühnenbilds stellen die Interventionen Neo Rauchs dar. Sie bestehen aus einer kargen, strichig auf Bühnenattrappen gemalten Baumkulisse und tristen Schilfbüscheln. Geradezu aufs Mythisch-Deutsche zielen die zwischen Emil Nolde und Caspar David Friedrich zu verortenden Bilder Neo Rauchs. Die Wolkenstudien, die die Vorspiele und Zwischenmusiken bebildern, lassen Wagners Melodienzauber aus einer als verhängnisvoll verstandenen Natur entstehen. Die Geburt des Musikdramas aus dem Geiste der Malerei! Wie Neo Rauchs elegischer Expressionismus mit Yuval Sharons fixer E-Idee zusammenpasst, steht freilich auf einem anderen Wagner-Blatt. Dennoch überzeugt meist, was das Regie-Gespann produziert. Das schäbige Brautgemach ist trotz Lava-Orange ein trostloser Ort, der hier aufgepflanzte Transformator glüht in unheilvollem Signalgelb. Sonderbar nur, dass Elsa hernach in Bagwahn-Orange über die Bühne schlurft.

Die Bücher in der Nachttischschublade

Interessant, ja eindrucksvoll gestaltet sich bei Sharon die Personenführung. Vergessen wir das zeremonielle Hin- und Hergeschiebe von Personen und Chören, das man durchaus auch sieht und geradewegs aus der Mottenkiste der 50er stammt. Schauen wir lieber auf einen Lohengrin, der verunsichert wirkt wie kaum je ein anderer Lohengrin zuvor. Von Anfang an liegen tiefe Schatten über der Beziehung zu Elsa.

 

Im dritten Akt erhält die Geschichte, die bislang ohne große Aufreger dahinplätscherte, plötzlich dramatische Wucht. Im Brautgemach lesen beide züchtig je ein Buch, doch rasch verschwinden die Bücher in der Nachttischschublade. Elsa fremdelt gewaltig mit ihrem Retter. Dann kippt die Szene. Zu Atmest du nicht die süßen Düfte verzieht Elsa schmerzlich das Gesicht – in ihrer Not erwartet sie Antworten statt Süßholzraspeleien. Plötzlich werden Lohengrins Ermahnungen zu subtilen Drohungen und zu realer Gewalt. Angstvoll-verzweifelt wehrt sich Elsa gegen ihre Fesselung. Das ist ein Déjà-vu: So wand sie sich auf dem Scheiterhaufen vor ihrer Rettung durch eben diesen Lohengrin. Der Heilsbringer wird zum Peiniger. Lohengrins Hoheits-Tick (Dein Lieben muss mir hoch entgelten) wird geradezu zur Voraussetzung seelischer und körperlicher Grausamkeit. Nach den verhängnisvollen drei Fragen hängt das sich fremde Paar desillusioniert auf der Bettkante. So sieht zerstörtes Glück aus. Das ist sehenswert und geht unter die Haut. Bei In fernem Land schließlich ist Lohengrin ein gebrochener Mann. Dass Lohengrin seinem süßem Weib Horn, Schwert und Ring in einem orangefarbenem Kanister (der Kanister, den sich Elsa flugs aufschnallt, ist echter Neo Rauch!) überreicht und Elsas entzauberter Bruder als giftgrüne, unheimliche Reinkarnation wiederkehrt, erscheint mehr rätselhaft als erklärbar, fügt aber dem tiefen Unbehagen, das dieser Bayreuther Lohengrin so gekonnt verbreitet, einen weiteren Aspekt hinzu.

 

Sharons Lohengrin-Deutung ist kein Jahrhundert-Coup. Es ist eine unpolitische, bisweilen sorglose Inszenierung. Dennoch schlägt sie sich sehr achtbar, trotz ihres Hangs zu ungut Neu-Bayreuther Bequemlichkeit. Yuval Sharon lässt durch assoziativen Reichtum Raum für triftige Neu-Entdeckungen bei der meistgespielten aller Wagner-Opern, seine prägnante Personenregie fasziniert geradezu.

Gesungen wird mit viel Sängerglück.

Piotr Beczała ist ein Belcanto-Ritter von Gnaden

Piotr Beczała ist ein lyrischer Schwanenritter mit viel Legato, heller Stimme, ganz ohne baritonales Timbre und Heldentenormetall. Beczała startet vorsichtig, fast sachlich, im 1. Akt bleibt die vokale Physiognomie blass. Doch Beczała, der im 2. Akt in Brustpanzer und Halskrause ein tiefsinnig-schräges Bild des Gralsritters abgibt, steigert sichreißt im dritten Akt hin. Das anfängliche Befremden über einen Tenor, der mit weicher Artikulation, überraschend wenig Konsonantengebrauch, also ohne heldische Deklamation singt, löst sich zusehends in eitel Tenor-Sonnenschein auf. Piotr Beczała ist ein Belcanto-Ritter von Gnaden, singt mit viel Gefühl und hervorragender Textverständlichkeit.

 

Anja Harteros stellt mit ihrer gebläuten Lockenpracht und in der eher fraulich- als jungfraulichen Robe eine seltsam faszinierend früh-alt gewordene Elsa dar. Zuerst ist sie – comicartig verkürzt – das Dummchen von Brabant. Doch diese Elsa wird zur Frau, die tief verstört die Katastrophe des 3. Akts durchlebt. Die zeremonielle Gestik (die Regie gibt sich bisweilen mehr altbacken als nötig, siehe die Hände-vors-Herz-Geste) verbirgt die bodenlosen Ängste. Vokal gibt es Licht und Schatten. Anja Harteros hat nicht den Sehnsuchtston für Euch Lüften. Die Höhe klingt hart, es ist wenig Legato und viel Vibrato im Klang. Doch wie ihr Sopran aus sorgfältiger Textbehandlung die keuschen Linien ihrer Arien baut, ist beeindruckend. Harteros klingt gedankenvoll, ja von herber, beinah unsinnlicher Empfindsamkeit. Sie singt eine der besten Elsas der letzten zehn Jahre, wenn man auch durchzuhören meint, dass die Elsa kaum ihre Leib- und Magenrolle ist.

Georg Zeppenfeld ist ein König mit abstehendem Rübezahl-Bart, Kniestrümpfen und Stulpenhandschuhen und auch er trägt Insektenflügelchen. Wie alle Sänger ist auch Zeppenfeld ein guter Darsteller, seine Segens- und Befehlsgesten sind entleerte Gebärden einer überkandidelten Sekte unklarer Herkunft. Zeppenfeld singt kernig, volltönend, markant. Er wäre noch besser, löste er sich mehr von der traditionellen Rollenauffassung, die Wagners großartige König-Heinrich-Musik immer noch zu dröhnenden Proklamationen des Biedersinns macht (Diese Gefahr gibt’s auch bei Daland, Sachs und Landgraf, weniger stark bei Gurnemanz und Wotan).

Tomasz Konieczny ist ein Telramund mit spiegelglattem Brustpanzer, Ziegenbärtchen und sorgfältig getrimmten Türken-Koteletten. In den Zweikampf stürmt der „betrogene Betrüger“ (Carl Dahlhaus) mit dem Flammenschwert, zieht aber gegen Lohengrins gezackten Blitz, den dieser schwingt wie weiland Zeus, naturgemäß den Kürzeren. Koniecznys heller, sehniger, nicht besonders voluminöser Bariton zeigt offene Tongebung und wenig Farben, doch ist er der energischste Sänger des Abends. Die Klage um seine Ehre klingt nicht larmoyant, sondern grimmiggefährlich (Thielemann ist hier sehr gut), wie Konieczny überhaupt im 2. Akt mit der Energie eines Mannes überzeugt, der alles wagt, weil er alles verloren hat.

Waltraud Meier macht in Faltkragen und Schuppenleibchen eine großartige Figur, hüllt sich später auch wie Elsa in ein ominöses Faltermuster-Kleid. Die Mezzosopranistin fühlt sich als heimtückische Intrigantin pudelwohl, fesselt Telramund gar wie ein Bleichgesicht an den Marterpfahl (überhaupt sind Fesselspielchen eines der Leitmotive der Inszenierung). Meiers Bühnenpräsenz ist das eine, ihre deklamatorische Schärfe das andere. Meier kann’s noch: Spott, Sarkasmus, lügnerisches Schmeicheln spuckt sie aus wie andere Traubenkerne. Man wird einer der prägenden Isolden und Kundrys der letzten fünfunddreißig Jahre nicht ans Zeug flicken, wenn man konstatiert, dass neben durchdringenden Spitzentönen leider eine brüchige Attacke zu hören ist, neben einer bannenden Anrufung der heidnischen Götter leider eine poröse Mittellage und eine Tiefe, in der eher gesprochen als gesungen wird (welch‘ schwacher Gott es ist, der ihn beschützt). Dass glücklich meine Rache sei misslingt völlig. Die Münsterszene ist hart an der Grenze. Auch Fahr heim, die vielleicht progressivsten Takte der Lohengrin-Partitur, ist doch einigermaßen ungenießbar. Aber sind wir nicht alle glühende Waltraud-Meier-Verehrer? Und so schließe ich mit der Aussage, dass in ihrer Ortrud immer noch das alte Feuer lodert.

Egils Silins singt den Heerrufer schneidig autoritär und ist ein energischer Verkünder königlichen Willens. Sehr gut. 

Der Chor der Bayreuther Festspiele singt anfangs unsicher (vielleicht eine Fehleinschätzung am Radio), doch dann mit sehr guter Leistung. Besonders eindrucksvoll sind das Quintett der Sängersolisten und der erlesen singende Chor in der Münsterszene.

 

Christian Thielemann serviert die Stimmschichtung des Vorspiels zum ersten Akt so sensibel schimmernd auf einem Silbertablett, als wär’s das Traviata-Vorspiel. Sonst zielt Thielemann auf vollmundiges Musikmachen. Das Holz klingt einen Tick zu bunt. Die Verwandlungsmusik im 3. Akt tönt bei aller Streicherwucht und Blech-Plastizität auch selbstverliebt. Die Freude an orchestralem Pomp (auch die Festklänge zu Beginn des 2. Akts, die in die Szene Ortrud-Telramund hineinwehen!) dominiert. Auch das Vorspiel zum 2. Akt hat kaum böse Drängendes, dafür tönen die Bläser umso ziselierter. Bei aller Tonschönheit, bei allem Fluss der Partitur, bei aller Bewegtheit klingt Thielemanns Lohengrin eine Spur behäbig, ja altmodisch. Es fehlt der dramatische Impuls. Wunderschön hingegen, wie die weichen Linien der Chöre ausmusziert werden. Thielemann ist ein genialer Sängerbegleiter, man hört es an vielen Stellen mit Genuss. Aber er ist bislang kein genialer Lohengrin-Dirigent. Sein Dirigat des Fliegenden Holländers war behäbig, sein Tristan großartig, Thielemanns Lohengrin steht in der Mitte. Andris Nelsons‘ Lohengrin gelang intelligenter, auch spannender.

Einhellige Bravi für die Sänger, am meisten für Piotr Beczała, doch auch Anja Harteros bekommt viel Applaus. Das Regieteam heimst überraschenderweise fast nur Bravi ein. Bayreuth ist auch nicht mehr das, was es früher einmal war. Hans Neuenfels‘ Lohgenrin-Ratten, die sich in den Folgejahren zu inniggeliebter Regie-Ware mauserten, erging es 2010 noch anders.

Fotos: Enrico Nawrath


Weitere Besprechungen der Bayreuth-Premiere Lohengrin:

Manuel Brug sieht Elsa zwischen Pappschilf und Bibellektüre, Reinhard J. Brembeck  (in der Süddeutschen) sieht in Neo Rauchs Blau das „Nachtdunkel der Geschichte, mütterlich sorgend, warm und betörend wie Wagners Musik“, während Hundert11 auf seinem Musik-Blog meint, „die Ansiedlung in einem seltsam autoritären Insektenmilieu verfremde(t) Wagners Nationalrummelschlagseite vorteilhaft.“

 

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