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Der Sommer fängt gut an. Erst die lustig-freche Viaggio a Reims an der Deutschen Oper, dann die turbulente Nase an der Komischen, jetzt drei prickelnde Kurzopern aus Frankreich an der Universität der Künste. Denn die zaubert kurz bevor tout Berlin in den Urlaub fährt einen flotten Operndreier aus dem Hut und nennt das Trois Femmes – quasi eine Rundschau weiblicher Natur aus musiktheatralischer Perspektive.

Los geht’s mit Angélique von Jacques Ibert. Die Mini-Oper kommt als frivoler Buffa-Schwank (Uraufführung 1927) daher, Façon und Aufriss sind so spritzig wie ähnliche Projekte der Pariser Avantgarde (Milhauds Le bœuf sur le toit!). Porzellanhändler Boniface (Ren Fukase) ist mit seiner schönen Frau heillos überfordert und möchte sie schnellstmöglich verkaufen. Denn Angélique (Anne Martha Schuitemaker) ist eine echte Giftspritze. Sie führt den Wischmop wie ein Florett und wirft sich für die drei kaufinteressierten Mannsbilder spektakulär in Schale. Doch alle drei bringen sie stante pede zurück, zuerst Yan Xie (als charmanter italienischer Beau), dann Wonhee You (als prolliger Engländer) und schließlich Yoohan Lee (als freakiger afrikanischer Royal mit Fasanenfeder am Hut). Auch dem Teufel (Elena Bechter, in gruslig genoppter Tiger-Trikotage) ist Angélique zu heikel. Und dann doch noch das lieto fine: Angélique kehrt reumütig zu Boniface zurück. Gesungen wird durchweg mit Witz, Charme und viel Einsatz. Auch die plauderlustigen Nachbarinnen überzeugen (Kateryna Chekhova, Yehui Jeong, beide mit hübschen Stimmen und streng gewandet in schneeweiße Jackie-Kennedy-Mäntel).

Trois Femmes UdK Berlin
In dieser aparten Farce meidet Ibert den Tiefsinn wie der Teufel das Weihwasser und präsentiert ein heiteres Stil-Tutti-Frutti inklusive hohen Sprech-Anteils. Das Werk wahrt Lockerheit und Eleganz (Regie: Frank Hilbrich). Das Bühnenbild (Seongji Jang) gibt sich schlicht und sprechend, die bühnenbegleitenden Beobachtungshäuschen deuten intelligent einen mediterranen Stadtplatz an. Nur den Charme der Theaterbastelwerkstatt haben sie noch nicht ganz abgelegt.

Bekannter als Iberts lockere Farce ist La Voix Humaine von Francis Poulenc (UA 1959). In Poulencs Telefonoper verdichtet sich die Handlung kammerspielartig zum Psychogramm der verlassenen Frau. Aphrodite Patoulidou (einfach und aussagekräftig im blauen Unterkleid, Kostüme: Alice Fassina und Maja Aurora Svartåker) arbeitet sich in das Hemd des Mannes, als wär’s eine Zwangsjacke. Aphrodite Patoulidou ist mit einem ausdrucksstarken Gesicht begabt und hat eine schöne Stimme, die unterschiedlichsten Emotionen Ausdruck geben kann. Schön, dass sie im parlé chanté ebenso zu Hause ist wie bei Ausflügen in die hohe Lage. Poulencs Musik aber ist ein Traum, raffiniert und klanglabyrinthisch und doch unwiderstehlich klar. Die Bühne: in der Mitte eine flexible Sitz-Kombi als einziges Bühnenmöbel, direkt dahinter ein raumhoher Transparent-Vorhang, in den sich die Protagonistin schutzsuchend einwickelt wie in einen Kokon.

Der dritte Streich folgt nicht sogleich, sondern erst nach kurzer Pause. L’Heure Espagnole von Spanien-Liebhaber Maurice Ravel überzeugt von je mit Esprit und Raffinesse. Das erotische Mini-Lustspiel (UA 1911) ist ein ewiger Jungbrunnen französischer Musikmoderne, aus dem ironische clarté und verspielte Poesie sprudeln. Das ist herrlich spanisch parfümiert, in die gleiche Kerbe schlägt die Handlung.

In der Ehe von Concepción und Ehemann Torquemada (Yan Xie) knistert es schon lange nicht mehr, weshalb die temperamentvolle Uhrmachergattin (Isabel Reinhard, mit Charme und Ausstrahlung und köstlichen Flamenco-Fingerspielchen) nach geeignetem Frischfleisch Ausschau hält. An der Angel hat sie Student Gonzalve (Wonhee You, tenorhell und angemessen pathetisch), doch wie sich herausstellt, steckt der seinen Kopf lieber in Lyrikbücher als zwischen die Beine der Angebeteten, und auch Bankier Don Inigo Gomez (Yoohan Lee, mit ballongroßer Honoratiorenwampe und gut geführtem Bass) hat nicht die Klasse, um die heißblütige Señorita zu fesseln. Da schlägt das (Schäfer-)Stündchen des einfältigen, aber feschen Maultiertreibers Ramiro (Ren Fukase, bühnenwuselig und baritonsicher), und der von der Arbeit heimkehrende Gatte hat so viel Chuzpe, den zwei bei seiner Gattin nicht zum Zuge gekommenen Mannsbildern fix eine Uhr anzudrehen. Die gewagte Handlung schnurrt voltenreich und pointiert ab, immer umschmeichelt von der zerbrechlichen Klarheit von Ravels Musik. Die technische Perfektion der Partitur ist sowieso zum Zungeschnalzen. Nett die Idee mit den aus Angélique übernommenen sarggroßen Uhrenkästen, in die die Liebes-Aspiranten je nach Lage hinein oder aus denen sie heraus steigen.

Das bestens präparierte Symphonieorchester der Universität der Künste Berlin unter der Leitung von Errico Fresis spielt sicher, genau und mit der nötigen Klangfarbenphantasie.

Viel Applaus für alle Beteiligten.

Weitere Vorstellungen noch am Samstag und Sonntag, auch im Livestream, am Samstag in alternativer Besetzung.

Das Programmheft macht Lust aufs Schmökern. Wenn doch mal die Hefterl der drei Berliner Opern so offenherzig wären!

Foto: Udk


Weitere Kritik von Trois Femmes bei Hundert11 und in der NMZ von P. Pachl

Trois Femmes Ibert Angélique Applaus

Trois Femmes Ibert Angélique

Aphrodite Patoulidou La Voix Humaine Berlin

Trois Femmes Maurice Ravel L'Heure Espagnole

Trois Femmes Schlussapplaus Universität der Künste

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