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Orfeo ed Euridice von Christoph Willibald Gluck ist keine Oper, sondern eine Azione teatrale, und zwar eine über den Tod und die Liebe. Uraufführung war in Wien 1762, man hört an der Staatsoper Berlin eine auf das Essentielle runtergekürzte Fassung von gut 80 Minuten. So klingen edle Einfalt und stille Größe. 

Elsa Dreisig Bejun Mehta Orfeo ed Euridice

Oder auch nicht. Denn bei der Regie von Jürgen Flimm stellt sich die Größe nicht ein, nur die Einfalt. Man sieht von ledernem Bewegungsdrang erfüllte Ku-Klux-Klan-Chöre als Furienchor, man sieht gelbbuntes American way of life auf dem Bühnenboden, den dritten Akt beherrscht ein klaustrophobisches Mittelklasse-sleeping room. Den Vogel schießt die farbenfrohe Bretterbude im Dekonstruktivismus-Design ab, eine Flimm’sche Paraphrase über das Gefilde der Seligen. Dieses US-Setting hat im Zweifel wenig mit den getragenen Chören Glucks, mit den vielgerühmten Klage-Arien des leidgeprüften antiken Paares zu tun. Lustig ist lediglich der Ehekrach im Hause Orfeo. Da döst der Gatte doch glatt vorm Röhren-TV weg, während Euridice mit herrlichen Linien ihre Trauer über die vermeintlich entschwundene Liebe kundtut. Selten wirkte eine Inszenierung so erratisch. Kaum zu glauben, dass dieser Orfeo, der wirkt, als hätte ihn der Regisseur während einer Mittagspause im Einstein locker aus dem Ärmel geschüttelt, vor zwei Jahren die Festtage eröffnete.

Schön sind die Stimmen.

Countertenor Bejun Mehta (optisch männlich-markant, akustisch androgyn schillernd) brilliert als affektstarker Orfeo mit dynamischen Abstufungen vom Feinsten und einem Timbre, das sich seismographisch genau den Erfordernissen der Musik anpasst. Die zwischen Leben und Tod hin- und herwandelnde Euridice singt Elsa Dreisig mit viel Herz und Bühnenpersönlichkeit und bezwingend in der schmerzerfüllten Emphase. Narine Yeghiyan als manchmal dienstfertiger, manchmal demonstrativ gelangweilter Amor zeigt einmal mehr, wie ihr Stimmsilber weiter an Wert gewinnt. Am Pult wechselt Domingo Hindoyan furienschnell die Gangart, pendelt gewieft zwischen getragen und feurig – und kann doch nicht verhindern, dass Glucks Opernreformmusik Blei in den Notenfüßen hat. Semplicità, verità und naturalezza, das wollte Gluck. Wie sehr indes scheint Gluck – zumindest in der Flimm-Variante – dem schrillbunten Koloratur-Feuerwerker Händel unterlegen, wie sehr dem immer aufs Ganze gehenden Genie-Dramatiker Mozart.

Vielleicht kommt Glucks Zeit wieder.


Besprechung der Premiere von Matthias Nöther (Berliner Morgenpost).

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