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Simon Rattle geht, wie er gekommen ist, mit Mahlers Sechster.

Das letzte Konzert in der Berliner Philharmonie mit Rattle als Chefdirigenten bringt also Mahlers Sinfonie Nr. 6 in a-Moll, die sogenannte „Tragische“, die der Brite seit dem gemeinsamen Mahlerzyklus 2010/11 nicht mehr in Berlin dirigiert hat. Für Rattle schließt sich also ein Kreis. Dem Gestus des Tragischen mag sich Rattle besonders nahe fühlen, schon 2010/11 gelang die Sinfonie Nr. 6 – neben den Nummern 5 und 9 – am packendsten. Doch Simon Rattles Stärke war und ist nicht nur das emotional Aufgeladene – laut Alma Mahler „schluchzte“ der Komponist nach der Essener Generalprobe 1906 der Sechsten, „rang die Hände, war seiner nicht mächtig“. Auch Heterogenes zu einem Ganzen zusammenzuführen kann Rattle wie kaum ein zweiter Dirigent. Wenn Rattle nun Mahlers „Sechste“ aufführt, so steht dieses letzte Konzert zugleich für Rattles 16-jährige Amtszeit, ja für abwechslungsreiche 31 Jahre bei und mit den Berliner Philharmonikern.

Der erste Satz, Allegro energico.

Da ist es also, das für Rattle so Typische, das weniger ein Dirigierstil ist als eine Herangehensweise, die sich stets neu erfindet. Da sind sie also, die Binnenspannungen, die mit irrationaler Kraft aufgeladenen Tutti, die scharf hervorgehobenen Nebenmotive, das mit einem Schuss Wahnsinn aufsteigende Geigenthema („Alma-Thema“). Da ist sie, Rattles Schicksalsgemeinschaft mit der Musik Gustav Mahlers.

Wirkung und Größe von Rattles Interpretation beruhen ja meist auf jener Schlüssigkeit, die sich erst nachträglich in so wunderbarer Weise einstellt, die der Dirigent am Pult aber geradezu panisch zu vermeiden sucht (Achtung, Dialektik!). Denn Rattle dirigierte immer schon strikt antiromantisch, sprich „unschlüssig“. Hoch im Kurs stehen beispielsweise übermütig verdichtete Linien, forcierte dynamische Gegensätze, rhythmische Schärfen oder scharf herausgestellte Solo-Einsätze. Ersteres hört man heute bei den ganz und gar befreienden Passagen hypertropher Polyphonie, Letzteres bei den überdeutlichen Holzbläserepisoden. Auch da, wo auf engem Raum äußerste Kraftentfaltung neben unvorstellbarer Weichheit stehen (Coda!), befindet man sich auf ureigenem Rattle-Terrain.

Dabei spielen die Berliner Philharmoniker wunderbar variabel im Ausdruck, unerhört reich gerade da, wo Klangballungen Energien freisetzen.

Man geht in Rattle-Konzerte bekanntermaßen nicht, um den in zeitloser Schönheit sterbenden Schwan zu mimen. Man geht in Rattle-Konzerte, um diesem Mann mit der eigenartigen Frisur bei seiner Suche nach entgrenzendem Ausdruck zuzuhören. Denn die pure Energie des Klangs ist Rattle wichtiger als die perfekte Klangbalance. Das ist das Kreative bei Rattle, seine Neugier, die auch nach einer eindrucksvollen Zahl von Dienstjahren nicht erloschen ist. Formverlauf ist für den heute 63-Jährigen nicht das, was im Konzertführer steht, sondern etwas zutiefst Unvorhersehbares, und genau so, unvorhersehbar bis in jeden Takt hinein, klingt diese Mahler-Sechste. In diesem Sinne subsumiert dieses letzte Konzert eine 16-jährige Künstlergemeinschaft, die hin und wieder, zumindest für Teile des Orchesters, auch eine Gegnerschaft gewesen sein mag.

Die scheinbar altmodische obligate Wiederholung der Exposition im ersten Satz berührt bei dieser mit beiden Beinen weit im 20. Jahrhundert stehenden Sinfonie jedes Mal.

Das Andante moderato steht an zweiter Stelle. Der Satz löst die Übervorsichtigkeit des Beginns in glühende Kantabilität, und im dritten Satz, Scherzo: Wuchtig, hält das Orchester die Strenge des Sinfonischen durch und entrollt eine unmittelbare Pracht der Farben.

Damals, als er kam, 1987, dirigierte Rattle die Sinfonie Nr. 6 ruppig und mit jenem überscharf ausleuchtenden Röntgenblick, der Rattle berühmt machte. Rattle konkurriert ja heute, ähnlich wie Karajan dies tat, mit sich selbst, und das – Digital Concert Hall sei Dank – nicht nur bei Beethoven oder Brahms, sondern auch bei Mahler. Der Unterschied zu jener harsch gestrafften Energie von Anno 87 besteht darin, dass Rattle heute auch da nach Lösungen sucht, wo er einst bilderstürmerisch vorpreschte.

So ist im Finale bei aller überbordenden Klangfülle stets auch die Logik sinfonischer Entwicklung da. Die Berliner Philharmoniker bauen die Spannung vom ätherischen Violinen-Thema kontinuierlich bis zu jenen berühmten, um die Hammerschläge gruppierten Ausbrüchen (Rattle dirigiert die Version mit drei Hammerschlägen) auf. Keiner kann oder konnte im Jubel das Tragische so vergegenwärtigen, keiner schaffte es so, die Sechste so zwischen Sonatenstrenge und Hitze auszumusizieren.

Konzertmeister ist Daniel Stabrawa, Soloklarinettist ist Wenzel Fuchs, am Solohorn Dohr, an der Soloflöte Dufour, an der Solooboe Kelly (schön in der Solostellenpassage im Finale), am Solofagott Damiano. Die Hörner stehen wie eine Eins. Puttkamer an der Basstuba habe ich nie besser gehört.

Zuletzt sind doch viele Musiker gerührt. Rattle verzichtet mit britischem Understatement sowohl auf eine längere Ansprache als auch auf jede große Geste.

Um 21 Uhr 28 ist die Ära Rattle in der Philharmonie Berlin vorbei.

Foto: Monika Rittershaus


Weitere Kritiken:

Hundert11 sieht Guy Braunsten im Publikum und Brett Dean unter den Bratschen, eher verständnislos Herr Göbel (RBB Kulturradio), mit gewohntem Feinschliff Ulrich Amling (Tagesspiegel). Ein Rückblick auf Simon Rattles „Farewell-Season“ (auf Englisch) gibt es hier.

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