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Rattle geht, doch er geht nicht ohne kräftige Zeichen zu setzen.

Wie schon 2012 steht erneut Bruckners Sinfonie Nr. 9 mit rekonstruierten Finale auf dem Programm.

Simon Rattle Bruckner Sinfonie Nr. 9 Berliner Philharmoniker

Der erste Satz (Feierlich, Misterioso, dicht, komplex) glückt großartig. Der Sinn der Musiker für Zusammenhang ist da, die Verläufe sind raumgreifend, ja, greifen über das Hörbare hinaus, ohne sich in ungutes Misterioso zu verlieren. Themen weiten sich und zerfasern dennoch nie. Rattles emphatisch-penible Sachlichkeit bewährt sich besonders an der „abstrakten“ Neunten. Thematische Gestalt und Dynamik, Klang und Färbung entstehen immer wieder unmittelbar aus der Partitur, und doch wird das Gravitätische der Partitur zu keinem Zeitpunkt verfehlt. Dichte der Struktur, die innere Bewegtheit der großen, überreifen Form, der Reichtum an individuellen Stimmen – das alles ist da und macht Rattles Neunte groß.

Das Adagio (Langsam, Feierlich) hingegen hält Simon Rattle trotz berückend schöner Stellen fast durchweg zu abstrakt. Disposition, Charakter, thematisches Ausschwingen klingen trotz bedeutungsvollem Erlöschen der Linien samt Generalpausen zwar minutiös ausgestaltet, doch auch merkwürdig ausgedünnt. Es wirkt a bisserl schnurstracks. Da ist kaltes Feuer, weniger durchpulste Form. Doch wie souverän heute Abend die Streicher quasi handelnde Person sind, wie da jeder Anflug von An-den-Noten-Kleben vermieden ist, wie glühend und schneidend und genau das Espressivo ist, wie die Melodien brennen, und wie mit knarzender Wucht das satte Blech tönt, das ist aufschlussreich zu hören. Rattle meistert die Ecksätze bestechend. Der Klang ist dissonant geschärft und unerbitterlich klarsichtig. Der Klang wird von den wuchtigen Bassgängen her, dann von den Binnenstimmen der Bläser oder Bratschen oder zweiten Geigen, schließlich von den spekulativen Höhenflügen der ersten Geigen her aufgebaut.

Dann also das Finale.

Zuerst einige Auffälligkeiten. Thema 1 und 2 sind weniger plastisch als von Bruckner gewohnt. Wäre Max Bruch der Komponist, fände ich sie verstörend unbedeutend. Das dritte Thema indes breitet sich choralartiger und kraftvoller als sonst bei Bruckner aus. Der gesamte 4. Satz gibt sich auffällig hell, scheint geradezu trompetig timbriert, wirkt überdies ungewohnt fahrig und kleinteilig. Anderes wirkt nackt. Gegenstimmen, bei Bruckner stets wichtig, sind lakonischen Zuschnitts. Die Durchführung beginnt etwas dünn, das wuchtige Fugato wirkt bemüht. Die dissonanten Partien scheinen deutlich überrepräsentiert. Allerdings sagt Peter Hirsch hier: „Alle… Dissonanzen, die wir hören, sind original!“ Die Coda (hier wurde wohl besonders eifrig aufgepäppelt) ist gestopft voll mit polyphonem Kuddelmuddel, und so viel affirmatives D-Dur-Statement klingt selbst bei Bruckner zu banal. Das meiste zwischendurch aber ist spannend, schichten- und perspektivreich, von unmittelbarer, kühner Wucht.

 

 

Das Finale umfasst 653 Takte. Für ein knappes Drittel liegt die vollständige Instrumentierung vor. Ein Sechstel wurde aus Skizzen rekonstruiert. Für 96 Takte gibt es keine direkte Musik Bruckners. Der beste Kommentar zum Samale-Phillips-Mazzuca-Cohrs-Finale stammt vielleicht von Alex Ross. Das Finale bleibt Torso, der jetztige Zustand ist spekulativ. Doch das Finalkonglomerat kommt direkt aus der Hexenküche der Musikwissenschaft, es fesselt und nimmt der Neunten seinen unverdient mythischen Torso-Status. Es eröffnet ein spannendes, neues Kapitel Bruckner.

Zuvor die kurzen Three Pieces for Orchestra von Hans Abrahamsen, die aus der Not (der Kürze) eine Tugend (nämlich der Klarheit) machen. Der erste Satz ist synkopisch geprägt, der zweite von schimmernder Fakur, lediglich Klavier, Celesta, Piccoloflöten, Xylophon und die zwei Soloviolinen der Konzertmeister werden eingesetzt, der dritte Satz wird von minmalen Bewegungen der Streicher und Posaunen geprägt. Es ist eine Uraufführung und ein interessantes Stückerl.


Weitere Besprechung mit anregender Diskussion betreffend das Finale bei Hundert11.

Simon Rattle Bruckner Sinfonie

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