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Klug gemacht! Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin präsentiert zwei sperrige Werke und lädt dazu einen Weltstar ein. Prompt ist der Laden respektive die Philharmonie rappelvoll. Und so lauscht eine ausverkaufte Philharmonie Pendereckis Violinkonzert Nr. 2 und Schostakowitschs Sinfonie Nr. 15. Entgegen der Ankündigung dirigiert Penderecki nicht selbst, sitzt jedoch hochkonzentriert im Publikum. Man findet eine Doppellösung. Der Pole und Penderecki-Vertraute Maciej Tworek dirigiert Penderecki, Andrei Boreiko dirigiert Schostakowitsch.

 

Die Uraufführungssolistin von 1995, Anne-Sophie Mutter, steckt im trägerlosen, hautengen, zitronengelben (Dior?)-kleid, präsentiert sich gewohnt makellos im durchtrainierten Virtuosenkörper, mit gefönter Mähne und gleichfalls zitronengelben Schuhspitzen. Mehrere virtuose Kadenzen sowie repetierende Kurzmotive und Bewegungsfiguren von großer Einfachheit gliedern das einsätzige, aber vielfach unterteilte Konzert. Davon ausgehend entwickelt die Solovioline ihr Spiel, gießt es in feine Violinfäden aus, steigert es zu harschen Akkordgriffen, hält die Spannung bis zum Verklingen des Schlusses. Die Frage ist nur: Ist der Schluss tröstend oder führt er in trostlose Tristesse?

Penderecki schrieb Mutter einen flirrenden, fordernden Solopart, den die Geigerin voller Nuancen, in kühler Meisterschaft, nachdrücklich und ernst, ohne solistischen Firlefanz interpretiert. Wie Mutter die gar nicht so schrecklich avantgardistisch sich gebende Partitur in engem Wechselgespräch mit dem Orchester bis in die Motivverästelungen hinein entwickelt, das Werk lakonisch streng entfaltet, das gibt dem Abend die besondere Note. Das Konzert wird sich bei wiederholtem Hören vollständiger erschließen, wobei das RSB hierbei willig Schützenhilfe leistet, schon zum vierten Mal spielt das Orchester das zu Einfachheit und Verständlichkeit tendierende Werk, das bisweilen wie postmoderner Schostakowitsch klingt, sich nur sanfter auffächert, fast als wärs feinstes Biedermeier. Maciej Tworek leitet mit wacher, flexibler Gestik, lässt das Werk immer wieder aufs Neue wie ein Flaschengeist aus einem fahl reduzierten Farbspektrum entstehen, ist in Anwesenheit des Komponisten hörbar um authentische Sachlichkeit bemüht.

Beide Werke des Abends ähneln sich in ihrer Introvertiertheit, ihrer Klarheit, ihrem Pessimismus.

Schostakowitschs Sinfonie Nr. 15 ist vielleicht die beste des Komponisten und zugleich seine rätselhafteste. Sie kehrt sich vom rhetorischen Bombast-Stil der Vorgängersinfonien ab, wirkt als kühles Spiel, gibt sich kalkuliert zitatfreudig und scheint dennoch von desillusionierter Heiterkeit, und das RSB, diesmal unter Andrei Boreiko, gewinnt dem genaue Präsenz ab. Der nüchterne Streicherklang, die Exzellenz der Instrumentalsoli (Fagott im 1. Satz, Violine, Posaune im 2.) und die erdgebundene Hellsichtigkeit von Boreikos Dirigat geben der Wiedergabe den Wert.

Ein wichtiges, gerade in seiner Zurückhaltung berührendes Konzert.

 

 

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