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Anita Rachvelishvili Simone Piazzola Angela Meade Murat Karahan

Giacomo Sagripanti, Murat Karahan, Angela Meade, Simone Piazzola, Anita Rachvelishvili, Marko Mimica

Auch Operninszenierungen gehen den Weg alles Zeitlichen. Nun ist der Neuenfels-Troubadour an der Reihe. Premiere 1996, Dernière 2018. 22 Jahre sind keine schlechte Lebenserwartung für eine Verdi-Oper. Nun also sitzt man zum letzten Mal beim Kaffeekränzchen – oder soll man sagen Leichenschmaus? – bei der alten Dame Troubadour.

Was die Inszenierung ist, was sie kann und was nicht, dies erklärt immer noch Heinz Josef Herborts mit seiner bis ins Detail heute noch gültigen Premierenkritik „Der Schlächter in uns“ am besten.

Interessiert nimmt man einige Punkte zur Kenntnis. Neuenfels‘ Bilder sind immer noch gestochen scharf. Die Personenregie ist immer noch bestechend markant. Der Atem dieser Inszenierung ist noch heiß (Nur die letzten beiden Bilder fallen ab, indem sie auf  einseitige Drastik setzen). Die Kostüme sind kühn verknappt (Velázquez-Röcke) und so sprechend (Männerchor) wie sinnfällig (Stierkämpfer-Trachten).

Die Verdi-Tage 2018 an der Deutschen Oper sind in vollem Gange. Die Besetzung dieser Brüderhass-Oper, in der die blutbeladene und mysteriöse Tenor-Sopran-Bariton-Dreiecks-Geschichte um eine tiefblutrote und mysteriöse Mutterkomponente erweitert wird, ist erstklassig.

Die Leonora der Angela Meade zeigt ein auf behutsames Portamento aufbauendes Legato, zeigt Gefühl für die weitgespannte Architektur einer Arie (Tacea la notte). Jede der Arien gelingt außergewöhnlich – mit der Einschränkung, dass es in D’amor sull’ali rosee nicht immer einfach ist, auf Anhieb zwischen Vibrato und Triller zu unterscheiden – ein kleiner, aber feiner Nachteil -, und dass es in dieser Prachtarie an letztem Ebenmaß und Finish mangelt. Doch einige der hohen Piano-Phrasen klingen berückend (schönes Piano-Des, wenn auch abgesetzt). Dramatische Präsenz hat dann Mira, di acerbe lagrime, und ihr tiefes Register hat suggestives Volumen. Frau Meades Stimme besitzt Feuer, Lyrismus und Drama. Kurzum: Angela Meade ist ein für Il Trovatore bestens geeigneter lirico spinto mit überzeugender agilità (sehr schön: Di tal amor).

Angela Meade Alexandra Ionis

Viva Verdi, viva Velázquez: Angela Meade und Alexandra Ionis / Foto: Instagram

Troubadour Manrico Murat Karahan nimmt durch helles Timbre, verschlankt-männlichen Klang und schöne Registerwechsel ein. Macho-Einfärbungen sorgen für das Salz in der Tenor-Suppe und stören nicht weiter (Mal reggendo, Di quella pira). Karahan singt ein nuanciertes, gut phrasiertes, dynamisch sorgsames Ah, sì ben mio (schön auch die Holzbläser) und ebenjene Cabaletta Di quella pira schließt mit umjubeltem, gehaltenem hohem C, wobei Karahan alles andere als ein Brüllheini ist, denn er setzt die Voix mixte oft und geschickt ein. Die Kehrseite der Medaille ist, dass Karahan wie vor zwei Jahren nur eine Strophe von Di quella pira singt, siehe hier.

Prima inter pares ist Anita Rachvelishvili, die als Azucena ein fesselndes Porträt liefert. Ihre Energiereservern scheinen unversieglich. Sie ist mit Leib und Seele leidende Mutter und bedrohte Frau und steigt in Stride la vampa bis zum furiosen B hinab. Ihre Brusttöne werden mit aggressiver Energie gesungen, ohne rostig zu klingen, ihre Höhe ist mitreißend. Die Rolleninterpretation der Georgierin erfasst alle Pole dieser komplexen Verdi-Figur: Drama und Wärme, brutale Kraft und Zartheit. Anita Rachvelishvili dürfte die derzeit beste Azucena sein.

Für den Luna bietet Simone Piazzola eine körnige Textur, volles, rauchiges Timbre, den drängend männlichen Klang eines erbarmungslosen Soldaten und rauen Liebhabers (auch wenn er bei Leonora nicht zum Zug kommt). Die Prachtarie des Luna, Il balen del suo sorriso, in der schmerzlich eingedunkelte mezzavoce-Töne nicht fehlen, lebt von Piazzolas Impetus, seinem noblen, von deklamatorischen Akzenten – was durchaus die Rollenidentifikation fördert – belebten Legato.

Den Ferrando singt Marko Mimica, dessen schallstarkes Racconto von dramatischer Verve erfüllt ist, den Ruiz verkörpert Burkhard Ulrich anrührend sorgfältig (ganz besonders im 4. Teil, Siam giunti!!!!). Nicht weniger auffällig die kraftvoll mitreißende Inez der Alexandra Ionis. Gut einfügen in ein ehrenwertes Ensemble tun sich Hong-Kyun Oh als Zigeuner und Sungjin Kown als Bote.

Dirigent Giacomo Sagripanti jagt die schauerliche Geschichte nicht einfach durch die Ohrwurm-Pastapresse. Sagripantis Dirigat hat Maß, lässt Raum, hat das Händchen für den Ausgleich zwischen heißem Drama und Vergangenheitsbeschwörung, er hat Gefühl für Massenverteilung und die bei Verdi erforderliche Ruhe. Das Tempo tendiert zum Besonnenen, was keinesfalls zum Schaden der Aufführung gerät, kennt aber auch nervig-nervöses Pulsieren. Die Koordination zwischen Graben und Chor ist freilch verbesserungswürdig. Dennoch ist es ein erfreuliches, rundum zufriedenstellendes Dirigat. Keine Mätzchen, kein Leerlauf, einfach nur niveauvolle Qualität. Der Chor der Deutschen Oper hat immer mal wieder mit den vertrackten, zerrissenen Melodielinien zu kämpfen.


Meine Kritik von Rigoletto an den Verdi-Tagen 2018 der Deutschen Oper Berlin

Kritik der Premiere 1996: „Der Schlächter in uns“ (Heinz Josef Herbort)

Anita Rachvelishvili Simone Piazzola Angela Meade Murat Karahan

Il Trovatore Verdi-Tage 2018 Deutsche Oper Berlin

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