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Die Staatskapelle Berlin spielt in der Staatsoper ein Programm abseits ausgetretener Repertoirepfade. Das Programm ist hochinteressant, ohne sich gleich spektakulärer Verschrobenheit zu verschreiben. Stattdessen öffnet es kluge Seitenpfade, liebäugelt mit Rarem bewährter Großmeister (Rossini, Tschaikowsky) und wagt sich auf halbwegs unerprobtes Konzertterrain (Szymanowski).

Staatskapelle Berlin BarenboimDie Ouvertüre zur Opera seria Semiramide von Gioacchino Rossini ist ein unübertrefflich rasantes Meisterwerk von hoher Präzision und rhythmischer Raffinesse und die Staatskapelle spielt es als solches.

Szymanowskis fesselnd schillerndes Violinkonzert Nr. 1 entsteht 1916. Es ist gar nicht wenig kompliziert und ein himmlisch nervöser, ja komplexer, doch den Zuhörer verzaubernder Geist herrscht darin. Das einsätzige Werk lenkt seine melodische Hitze bis in die hinterste Orchesterstimme. Dazwischen flattern Holzbläserepisoden. Die Geigerin Lisa Batiashvili spielt das noch entfernt jugendstilige und hierin an Bartóks erstes Konzert für Violine erinnernde Werk nun mit klarem, überlegen schönem Ton. So kontrolliert scheint ihr Spiel, dass das Schillernde des Werks umso strahlender herauskommt. Die irgendwie schmale lyrische Vehemenz ihres Tons fasziniert bis in die höchste Lage ungemein. Doch bleibt Batiashvili die kühle Zauberin des Violinspiels. Ihr Ausdruck richtet sich nach innen. An der Oberfläche verbleibt nervöse Eleganz. Seltsam, gerade die Kadenz gefällt mir weniger. Dennoch eine sehr gute Interpretation.

Szymanowskis erstes Violinkonzert ist zu Recht auf bestem Weg, zu den anerkannten Konzerten der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zu zählen.

Tschaikowskys symphonischer Erstling von 1866 bietet Frische, Farben und rhythmische Wildheit. Das Melomanentum dieses Komponisten war jedenfalls schon früh entwickelt. In jedem einzelnen Satz der Sinfonie Nr. 1 stammen die süßesten melodischen Früchtchen direkt aus dem Himmel. Bewegend der schwermütige, von entzückenden 32tel-Flötenfiguren umrankte Melodienreigen im Adagio cantabile. Er wird angestimmt von der Oboe, um ein weniges lebhafter aufgenommen von den Bratschen, dann von den Geigen, fortgeführt von den Celli, übernommen von einem durchbrochenen Bläser-Streicher-Satz, weitergetragen von Geigen und Klarinetten, von Flöten und Oboen, dann der marcato-Einschnitt der Hörner, worauf die Hörner die Melodie sempre crescendo tragen und auf dem Höhepunkt abbrechen. Es folgt die klagende Melodie des Beginns. Ausklang im ppp. Ergreifender hat Tschaikowsky selbst in der Meisterschaft der späten Jahre nicht komponiert. Und man erfährt nebenbei, wo Elgar die hymnischen Steigerungen der Kopf- und Finalsätze seiner Sinfonien herhatte. Gewiss, das Finale lärmt. Doch die von den populären Melodieventilatoren herbeigeschaufelte Frischluft zieht gleich Hunderten akademischen Sinfoniefinales den Boden unter den Füßen weg. Und wie sprechend ist schließlich die schmerzlich-intensive Steigerung aus einfachsten melodischen Motiven, die zum grell explodierenden Schlusstrubel leitet. Wer dachte, dass die Staatskapelle Berlin ihr rhythmisches Pulver nach Rossini verschossen habe, der wird durch das rauschende Finale eines wilden Besseren belehrt.

Dass die Barenboim-bewehrte Staatskapelle das geeignete Berliner Orchester für Tschaikowsky ist, denke ich seit einiger Zeit. Seit heute aber noch mehr.

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