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Die Wiener Philharmoniker sind in Berlin. Sie eröffnen die Festtage der Staatsoper Unter den Linden. Im Gepäck haben sie Mahlers Sinfonie Nr. 7.

IMG_4824Mahlers epische 7. Sinfonie repräsentiert eine symphonische Welt, die nicht mehr geheuer ist. Themen schwingen zu riesenhaften Komplexen aus, die mehr Landschaften als thematischen Abschnitten gleichen. Die symphonische Zeit dehnt sich ins Unermessliche. Und plötzlich ist man im ersten Satz hoffnungslos verloren, weiß nicht mehr, wo die Durchführung aufhört, wo die Reprise beginnt.

Von ferne habe ich noch Rattles zügiges Dirigat vom November 2016 im Ohr. Sofort fällt auf: Barenboim ist verhaltener, dämpft mehr, scheint die einzelnen Abschnitte  eher gegeneinander abzuschließen als zueinander zu öffnen. Die Akzentuierungen hingegen (Durchführung!) gewinnen größeres Gewicht. Sie steigern sich zu wuchtigen, eigentümlich gedämpften Eruptionen. Geradezu zum Kennzeichen dieser Interpretation wird die selbstbewusst in sich ruhende Breite gesanglicher Episoden, die Drosselung melodischer Energien. Es entsteht der Eindruck schweren Ein- und Ausatmens. Auffällig die unvermittelten Tempomodifikationen. Die hiesigen Philharmoniker und Rattle hatten einen anderen Ansatz, waren elastischer, agiler.

Dennoch haben die Ecksätze Weite und packenden Ausdruck.

Problematisch scheinen mir die beiden Nachtmusiken. Sie sind Spiegel des Abseitigen. Barenboim vertraut zu sehr auf behagliches Sichaussingen. Die sich zu andauernder Gegenwart kumulierenden Reprisen des zentralen Hornmotivs (Nachtmusik I) meinen eine romantische Zeitlosigkeit, die irgendwann zur nur noch langen Zeit wird.  Das Scherzo (Schattenhaft) mit dem hübschen Trio und der packenden Durchführungsepisode ist der rührendste der drei Binnensätze. Der joviale, mitunter hemdsärmelige Duktus Barenboims macht sich allenthalben hörbar.

Mit dem Klang der Wiener Philharmoniker allein könnte man sich ein ganzes Leben beschäftigen. Kennzeichnend sind immer noch die warmtönigen Blechbläser auf sattem, streicherüppigem Grund, die enorme Spannweite des Dynamischen vom wunderbar tragenden Piano bis zur geöffneten Totale, in der auf so Wienerische Art stets noch Kraftreserven spürbar bleiben. Geradezu meisterhaft agiert das in Mahlers 7. Sinfonie so typisch angereicherte Blech (die zahlreichen solistischen Stimmen!), das zu beglückend verwirrenden Misch- und Nebenfarben findet. Immer wieder gern gesehen am Fagott die Ex-Berlinerin Sophie Dartigalongue.

Das Rondo-Finale gelingt am besten. Es enthält große Stellen, etwa wenn die Stimmen in unwiderstehlicher Attacke zu lavaglühenden Kulminationen zusammenschießen. Mag sein, dass gerade das unproblematisch Optimistische des Satzes Barenboim und den Wienern liegt.

So, und am Sonntag dann die Falstaffpremiere in der Staatsoper.

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