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Die Neuinszenierung von Das Wunder der Heliane weitet den Blick auf die Oper neben Wozzeck, Turandot, spätem Strauss, Weill, Strawinsky, auf die vergessenen Nebenströmungen des Musiktheaters der 1920-Jahre, die einst Hauptströmungen waren. Die Deutsche Oper Berlin bietet dazu das Anschauungsmaterial.

Das Wunder der Heliane Deutsche Oper Berlin Premiere Sara Jakubiak

Sara Jakubiak in gefährlicher Schräglage / Foto: Monika Rittershaus

Korngolds „Heliane“ hat das Zeug zum Publikumsrenner. Die Musik schillert wagemutig bunt, im Zentrum steht eine Liebesgeschichte, die berührt und schockiert. Selbst die Story wirkt vor Ort, also bei neugierig hörendem Nachvollzug, gar nicht mehr so haarsträubend hanebüchen. Besonders das unglücklich einander zugewandte königliche Paar gewinnt im Laufe der drei langen, zuletzt auch ereignisreichen Akte tragische Größe.  

Der sein Volk piesackende König geht an der unerwidert bleibenden Liebe zur Königin zugrunde. Diese, die als einzige einen Namen, eben Heliane, trägt, verzehrt sich ihrerseits nach Licht, Freiheit, Liebe. So bringt sie sich und ihrem Geliebten den Tod. Nur dieser, der geheimnisvolle Fremde, ein Weltverbesserer vor dem Herrn, bleibt sich gleich – was ihn ein bisserl langweilig macht. Wie in jeder Oper steigt gegen Schluss die Spannung, und was ebenda in puncto Vom-Leben-in-den-Tod-Teten und Vom-Tode-wieder-in-das-Leben-Zurücktreten passiert, vermag selbst hartgesottene Operngeher aus der Fassung zu bringen.

Sara Jakubiak Heliane

Au Backe! Da hilft jetzt nur noch eine Wiedererweckung von den Toten / Foto: Monika Rittershaus

Dass es sich bei Heliane um eine nekrophile Schmonzette mit Anleihen an so ziemliche jede halbwegs bekannte Oper handelt, ist unbestritten. Dennoch schafft das Werk den Brückenschlag zum Herzen des Zuschauers. Kurz: Sie ist eines der faszinierendsten Opernkinder der 20er-Jahre, verzogen (krudes Mysterienstück), ziemlich gaga (schwüle  Erotik), aber seeeehhr faszinierend.

Musikalisch sieht es ähnlich aus. Aus dem Graben tönt überspäte Spätestromantik mit reichlich Schwulstüberhang. Die Streicher sind willig, die Holzbläser kitschig (die naiven Flöten!), das Blech ist süffig. Dennoch bewundert man geschmeidige Farb- und Reizmischungen, duftige Sotto-voce-Streicherschleier, gelockertes Perlen des Orchesters. Da ist wenig Wagner und viel Debussy. Die Gesangssolisten umwogen hochkalorisch aufgeputschte Orchesterwogen. Aber sie werden auch von glitzernden Vorhängen aus Jenseitsklängen getragen. Das ist fast so gut wie Strauss (die Fanfaren wiederholen sich, gerade die Höhepunkte sind einfach gestrickt – der geborene Hochdramatiker war Korngold wirklich nicht). Mancher Chor wirkt simpel. Da brennt die ewig reine Flamme des Kunstkitsches dann etwas zu offensichtlich. Dennoch, wer Strauss liebt und wissen will, wie Opernfans in den Zwanzigern tickten, der muss Das Wunder der Heliane gehört haben.

Das Wunder der Heliane Christof Loy Inszenierung Berlin Deutsche Oper

Brian Jagde liegt, Sara Jakubiak steht (noch!), Josef Wagner kniet / Foto: Monika Rittershaus

Die Sänger: Sara Jakubiak, Brian Jagde, Josef Wagner

Die Heliane der Sara Jakubiak ist ein sanfter Engel, eine kalte Eiskönigin, zu allererst aber eine unerschrockene Sinnsucherin. Sie singt ausgezeichnet und spielt mitreißend. Jakubiak ist die einsame Stratospährenkönigin des Abends. Der Klang ist reich im Piano und im Forte, verzehrend in der Höhe, rein und untergründig zugleich im Nachziehen der ausufernden Deklamationslinien von Ich ging zu ihm. Der Fremde, Brian Jagde, erfüllt die Erwartungen mit konzentrierter und berührender Tenorstimme (besonders im Finale), das bisweilen beengte Volumen und die dann wie überbelichtet wirkende Farbe sind kaum der Rede wert.

Für die Botin setzt sich Okka von der Damerau wohltuend ein. Fast ist zu bedauern, dass das Libretto dieser Unheil sinnenden Intrigantin nicht mehr Betätigungsfelder gegönnt hat (das einstige Techtelmechtel mit dem Herrscher wirkt leider nur noch wie kalter Kaffee). Der Herrscher, ein verschmähender Verschmähter, wandelt sich durch den feschen Josef Wagner ins Schmerzliche, was dem Kräfteverhältnis der klassischen Dreieckskonstellation (Sopran liebt Tenor, dem Bariton gefällt das gar nicht) ausgesprochen gut bekommt.

Das Richtersextett hat es schwer. Dem Judenquintett (Salome) und der Mägdeszene (Elektra) kompositorisch unendlich unterlegen, müht sich das Sextett aus den vortrefflichen Andrew Dickinson, Dean Murphy, Thomas Florio, Clemens Bieber, Philipp Jekal und Stephen Bronk redlich, ohne glänzen zu können. Auch die Regie ist da keine Hilfe. Burkhard Ulrich ist ein verlässlicher blinder Schwertrichter. Derek Waltons Pförtner und Gideon Poppes Junger Mann liefern hörenswerte Comprimarii-Qualität.

Heliane-Versteher Marc Albrecht leitet das Orchester der Deutschen Oper. Besonders das Halblaute, Fastleise gelingt. Eine fortwährende Freude ist der triebhaft bewegte, sich in Nebenarme verzweigende und wieder zusammengeführte Streicherstrom, in dem sich Lichtes und Opakes mischt. Albrecht hält den Spannungsbogen, klärt, wo Getümmel droht und hat Sinn für das herrlich Seidig-Süffige bei Korngold, das sich an allen möglichen und unmöglichen Stellen Bahn bricht.

Brian Jagde Sara Jakubiak Das Wunder der Heliane

Brian Jagde beim Auspacken von Heliane / Foto: Monika Rittershaus

Die Inszenierung von Christof Loy lenkt die erotisch-expansiven Energien der Oper in einen wuchtigen Einheitsraum (Johannes Leiacker) um, dessen schwere Holzvertäfelung wider Erwarten nicht zu erdrückender Bunkeratmosphäre führt, sondern Personen und Plot Halt und Führung gibt. Die heiklen Szenen löst Loy maximalvoyeuristisch (Helianes Nacktheit) beziehungsweise ausweichend (Apotheose des Finales). Im Ganzen erleben die Zuschauer eine erstaunlich gut funktionierende Regie, auch wenn mit dem Anzugseinerlei (Barbara Drosihn) und der Personenregie (die Richter hüpfen wie die Laubfrösche umher, den Chören geht’s kaum besser) kein Blumentopf zu gewinnen ist.


Weitere Kritiken von Das Wunder der Heliane an der Deutschen Oper Berlin:

Maßlos erlösend“ (Hundert11 – Konzertgänger in Berlin)

Erich Korngold: Das Wunder der Heliane“ (Kai Luehrs-Kaiser – RBB)

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