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Trifonow spielt das Schumannkonzert.

Trifonow ist binnen weniger Jahre zum Supermann des Klaviers aufgestiegen. Seine Soloabende sind binnen Tagen ausverkauft. Seine Berliner Rachmaninowkonzerte waren zugegebenermaßen sensationell. Man hört Lobeshymnen, wenige nur zweifeln.

Man weiß, dass Daniil Trifonow typisch russisch spielt. Hochvirtuos, viel Rubato, brillant. Schärfer und moderner als Kissin, linienklarer und geschmeidiger als Bronfman.

Dass Trifonow das Klavierkonzert op. 54 so langsam spielt, war nicht zu erwarten. Da werden Unterschiede zwischen den Themen eingeebnet. Da gerät die Durchführung wohl einen Tick zu träumerisch. Aber dann zeigt die entschlossene, bei Trifonow so scheinbar einfach klingende Kadenz, bei der er die verschiedenen Motivkomplexe wunderbar herauspräpariert, warum Trifonow zu den interessantesten jungen Pianisten zählt. Der Flügel klingt einige Male – ich meine gewollt – harsch (ich sitze Block G rechts)..

Daniil Trifonow bei den Berlinern Philharmonikern

Dem 2. Satz (Intermezzo. Andantino grazioso) fehlt Temperament. Natürlich ist das Tempo langsam. Doch Trifonow scheut beides, Innigkeit und Zuspitzung. Stattdessen hüllt er den Satz in feinsinnigen Piano-Zauber. Thematische Konturen werden so abgeschliffen. Er romantisiert das Grazioso. Die Philharmoniker spielen hier interessanter, perspektivreicher, versenkter. Die Staccato-Sechzehntel des Beginns klingen unter Trifonows Händen wattig-verwaschen. Und zur Espressivo-Kantilene der Celli (die dunkelsamtig leuchtet) steuert der Solist müdmilde Akkordzerlegungen bei. Das ist wenig, wenn auch sehr poetisch. Aber natürlich bringt der Russe auch hier großartige Stellen. So am Schluss des langsamen Satzes, wo die thematische Kontur zerfasert und der Künstler gleichzeitig die dynamischen Akzente mit höchstem Bedacht in die Struktur setzt.

Auch das Finale (Allegro vivace) erschließt sich nicht gleich. Jansons drückt aufs Tempo, Daniil Trifonow verzichtet auf wuchtige Einschläge. Der Pianist wirkt bisweilen unbeteiligt-sportlich, das Legato fließt erlesen dahin, wo mehr Zuspitzung vorstellbar ist. Erst allmählich hört man Trifonows Kraft, versteht man, wie natürlich fließend ihm die Akkordbrechungen von der Hand gehen und diese Akkordbrechungen dabei vor strukturellem Reichtum glänzen. Er mischt Spielerisches und klare Logik. Erstaunlich ist vor allem, wie nahtlos sich Intuition und Technik bei ihm verbinden, wie er das Komplizierte in Beiläufigkeit aufhebt, wie das wogende Töne-Kontinuum zu thematischer Kontinuität wird. Aus dieser Perspektive ergibt sogar die Zurückhaltung im Intermezzo klingenden Sinn.

Mariss Jansons, der nun 75-Jährige, passt sich den Tempo-Vorstellungen Trifonows an. Dass Jansons und Trifonow ein paar Male auseinander waren, betrübt weder sie noch uns.

Trifonow trägt Bart. Auch der Seitenscheitel ist neu. Mann kann sagen, Trifonow hat seine Optik intellektuell eingenordet, sozusagen angehipstert. Schlaksig, von nervöser Magerkeit, ist er immer noch, und auch das Verschmitzte im Gesicht ist noch da.

Die Zugabe ist der B-Dur-Satz aus Chopins op. 65, in der Bearbeitung des großen Cortot. Wunderschön die Tempodehnungen am Schluss.

Mariss Jansons dirigiert Bruckners Sinfonie Nr. 6

Bruckner Sinfonie Nr. 6.

Jansons ist zügig. Anti-monumental. Rasch wird von einer Themengruppe zur nächsten gesprungen. Liedhafte Versenkung sucht man vergeblich. Die Bläser exponieren sich klar und deutlich (Flötenstelle bei Beginn der Durchführung).

Dafür werden die kontrapunktischen Stellen überzeugend multiperspektivisch ausmusiziert. Die Fausse Reprise über dem jauchzenden, aggressiv federnden Rhythmus der Streicher (charakteristische Sechzehntelpause, Triolen, erst bei der „richtigen“ Reprise 14 Takte später schließen sich die Holzbläser den Streichern an) hat scharfen Glanz. Auch das Gesangsthema formt sich zu klar fassbarer Gestalt. Der schichsalsschwer sich windende Klangstrom ist nicht Jansons‘ Herzenssache. Das Strahlende des Repriseneintritts wie das Hymnische der Coda (Paukist Wieland Welzel treibt unerbittlich an) schärft sich trompetenhell zu.

Im Adagio (sehr feierlich) ist beim zweiten Thema nicht zu unterscheiden, ob die ersten Geigen führen oder doch Celli und zweiten Geigen. Abgründig die von Wagners tragischer Schwermut durchfärbten Posaunenstellen.

So ist Jansons: Das Gefühl für die Überschaubarkeit der Architektur ist immens. Mancher mag den Willen zur Versenkung, die schmerzliche Entgrenzung, die mystischen Schatten vermissen. Jansons steht für die trockene Hitze der Kulminationsstellen, für bis in die Tiefen der Werkstruktur hineinleuchtende dissonante Reibungen, für Detail-Intensität bei überwältigendem Gefühl für den Zusammenhang. Das ist viel, sehr viel.

Die Berliner Philharmoniker spielen in bestechender Form. Jansons schürt das Feuer. Schon vor der Pause waren diverse mitreißende Maserungen und Klangverdichtungen der Streicher zu hören. Auch bei der Sinfone Nr. 6 spielen die Streichergruppen wunderbar kompakt und gelöst zugleich. Eine unablässig vorwärtsdrängende, im Innern von nervös gespannter Energie erfüllte Brucknersechste.

Mariss Jansons, der Alterslose, zu dessen 75. das Concertgebouworkest jüngst Bruckners 7. spielte, leitet unerreicht klar und genau. Seine Autorität scheint unangreifbar. Auch das Grinsen ist da, wenn ihm was gefällt. Die Linke modelliert schwerelos schlenkernd, die Rechte schlägt agil, luftig und sehr genau.

 

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