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HänselundGretel Staatsoper Berlin Achim Freyer

Nicht ganz geheuer: hier steckt Hänsel schon in Schwierigkeiten / Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Mit einer klugen und quietschbunten Neuinszenierung von Hänsel und Gretel startete die Staatsoper Berlin Anfang Dezember mit Volldampf in den regulären Spielplan. Regie-Tausendsassa Achim Freyer (Kostüme, Bühnenbild, Regie) inszeniert die als Vorweihnachts-Kassenmagnet immerbeliebte Märchenoper von Humperdinck. Dabei meistert Freyer den Spagat zwischen hintergründig und kulleräugig, zwischen Erwachsenen- und Kinderoper mit viel Charme.

Hänsel und Gretel sind hier wirklich einmal Kindsköpfe. Deswegen agieren sie mit übergroßen Pappmaché-Gesichtern. Gretel trägt Haarschleife und Pünktchenkleid. Hänsel steckt in einer Lausbubenhose, die schnurstracks aus dem Bilderbuch kommt. Auf dem Scheitel sitzen ein keckes Käppi und ein giftgrüner Irokesen-Wisch. Das wirkt kindlich und symbolhaft zugleich. Bei Freyer kam der Stil ja immer schon aus der Überzeichnung. An der Staatsoper haut das hin. Die Gebrüder Grimm – von der Phantasie bonbonbunt beschwipst.

Natalia Skrycka Evelin Novak Unter den Linden Berlin

Gruppenbild mit Frosch: Hänsel und Gretel allein im Wald / Foto: Monika Rittershaus

Freyer erzählt genau. Auch bei Freyer sind Hänsel und Gretel vom Aufgefressenwerden bedroht wie Traviata und Mimì von der Schwindsucht. Ja, auch die Kinderoper ist eine tödliche Kunst. Auch wenn der Altersdurchschnitt im Saal bedeutend niedriger ist als bei Parsifal.

Hänsel (Natalia Skrycka) und Gretel (Evelin Novak) singen mit blitzsauberen Stimmen. Sie verirren sich im deutschen Wald und singen einen holden Abendsegen (Abends, will ich schlafen gehn, vierzehn Engel um mich stehn). Bei Novak und Skrycka klingt das nicht zu klug und nicht zu kindlich, sondern goldrichtig. Und es rührt. Klug ersetzen bewegliche Kulleraugen die herkömmliche Mimik.

Achim Freyer inszeniert Humperdinck

Knallbuntes Handwerkerproletariat: Vater Besenbinder und Mutter Rotschopf / Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Vater Peter (Arttu Kataja) repräsentiert als Besenbinder in grünen Pluderhosen und windschief gelber Jacke knallbuntes Handwerkerproletariat. Als Säufer hat er dennoch ein Herz für seine Kinder. Außerdem umgibt ihn eine Aura des Unheimlichen (der Katerschnurrbart!). Seine Frau Gertrud (Anna Samuil) weiß vor lauter Leere im Geldbeutel mittags nicht, was abends auf den Tisch kommt. Sie fällt in die Kategorie „strenge Hausfrau kurz vor dem Nervenzusammenbruch“. Dazu trägt sie tischtuchweiße Schürze. Doch auf ihrem Kopf thront ein feuerroter Schopf in Form einer gigantischen Pampelmuse.

Gigantisch ist so manches an diesem Abend. Die Knusperhexe ist ein wildes Sammelsurium aus Bonbonaugen, Bratwürstlmund, Fingerhakennase und Tassenschopf. Das ist lustig und zum Fürchten zugleich. Schade, dass Stephan Rügamers Stimme aus kostümtechnischen Gründen – gegen zwei dicke Bratwürste vor dem Mund kann der beste Tenor nicht an – nicht die gewohnte Präsenz hat. Bleibt nur noch die Frage, ob auch bei Freyer der Backofen die Endstation für die Hexe ist? Von wegen! Achim Freyer geniert sich a bisserl für den Grimm’schen Hexentod mittels Ofenflammen. Die Knusperhexe verschwindet – hast du nicht gesehen? – nach einem gekonnten Schubser von Gretel en passant zwischen den Vorhängen. Herr Freyer, hier hätte mehr Offenheit gut getan.

Hänsel und Gretel Staatsoper Berlin Achim Freyer
Nahrungszufuhr mittels Trichter: Hänsel (Natalia Skrycka) wird gemästet / Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Als Sandmännchen kommt Corinna Scheurle zum Einsatz (Der kleine Sandmann bin ich – s-t! Und gar nichts Arges sinn‘ ich – s-t!), als Taumännchen Sarah Aristidou (Der kleine Taumann heiß ich – kling! Und mit der Sonne reis‘ ich – klang!). Ein buntes Ensemble aus Fantasiewesen treibt sein wolfsschluchtreifes Unwesen in Wald und Kindertraum. Die Kreuzspinne regt drohend die Beine. Der Geige spielende, eidottergelbe Gockel stolziert versonnen vorbei. Und der Kater – eine richtige Naschkatze – zweiteilt sich im Laufe der Vorstellung.

Durch Humperdincks Musik weht Wagner-Luft. Das „Kinderstubenweihfestspiel“ (so Humperdinck selbstironisch in Anlehnung an Wagners „Bühnenweihfestspiel“ Parsifal) duftet jedoch ebenso stark nach Smetana und Dvořák – mindestens so stark wie nach Lebkuchen. Uraufführung war 1893. Wagner lagerte da schon in kühler Erde. Am Dirigentenpult hält Sebastian Weigle die Musiksuppe am Köcheln (heimelige Hörner und rauschende Streicher) und bringt sie gar zu musikdramatischem Brodeln.

Jubel und Applaus für Sänger und Musiker.

Achim Freyer Humperdinck Hänsel und Gretel

Brüderchen, komm tanz mit mir: Natalia Skrycka und Evelin Novak schwingen das Tanzbein / Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de


Weitere Besprechungen von Hänsel und Gretel in der Staatsoper Berlin:

Großkopfert (Hundert11 – Konzertgänger in Berlin)

„Hänsel und Gretel“ verliefen sich … in Berlin (Julia Spinola)

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