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Anna Prohaska und Max Emanuel Cenčić

Turteltauben unter sich: Anna Prohaska und Max Emanuel Cenčić / Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

Oh, wie verrucht war das alte Rom.

Oh, wie genial komponierte Monteverdi.

Es ist nicht ganz falsch, Monteverdis L’incoronazione di Poppea als Urknall der Operngeschichte zu bezeichnen. In Poppea, Monteverdis letzter Oper, 1643 in Venedig uraufgeführt, ist alles enthalten: Liebe und Tod, Intrige und Mord, Triumph und Untergang. Das ist der Stoff, aus dem die Oper ist. Hier geht die Liebe über Leichen und Amor regiert die Welt. Ober Amor die Welt gut regiert, ist freilich eine andere Frage. Die Oper als moralische Anstalt ist bekanntlich eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Stattdessen tapsen in Krönung der Poppea affektgesteuert Menschenschicksale durch die frisch gebackene Musikgattung Oper, verstricken sich immer tiefer in ihre Schicksale und singen sich die Seele aus dem Leib.

Was Regisseurin Eva-Maria Höckmayr nun mit Monteverdis erstaunlichem, überreichem Meisterwerk anstellt, erinnert stark an einen gewissen Christian-Lacroix-Chic.

Die Formel lautet in etwa: raffiniert farbige Kostüme und stilisiert üppige Tableaus. Will sagen: Ein Zug ins Dekorative herrscht.

Katharina Kammerloher und Xavier Sabata

Katharina Kammerloher und Xavier Sabata / Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

Im Malerischen ist die Inszenierung stark. Röcke in Zitronengelb posieren vor dem Kupfergold des Einheitsbühnenbildes (Kostüme Julia Rösler, Bühne Jens Kilian). Auge, was willst du mehr? Tiepolo-Pracht liegt über dem Ganzen wie märkische Sandluft über Berlin (wenn Sommer ist). Bei so viel Fokus auf das Visuelle dauert es allerdings seine Zeit, bis L’incoronazione di Poppea zum packenden Macht- und Liebesspiel wird.

Solange wackeln noch Perückentürme über die Bretter, als wär’s eine Ausstellung vom Kunstgewerbemuseum. Reifröckchen hier, Allonge-Perückchen da. Glitzersaum dort, Goldkostümchen hier. Plötzlich wirkt diese „sinnlich überbordende“ Inszenierung einer Barockoper ein wenig banal und recht branchenüblich. Die klugen Fingerzeige, mit denen die junge Regisseurin die dramaturgische Figurenkonstellation eben auch durchleuchtet, haben es so naturgemäß schwer. Aber es gibt sie. Poppea hüllt sich schlummernd in den Mantel Senecas, zu dessen Tod sie Nero zuvor anstachelte. Und im Moment ihres Triumphes zieht es Poppea für einen Augenblick unwillkürlich zu ihrem Ex Ottone. Solche Einblicke ins Gefüge aus libidinöser Obsession und politischer Macht öffnen sich zu selten.

Die quietschbunte, im ganzen ordentliche Inszenierung wiegt also ein bisserl leicht.

Oh, wie einfach machen es sich bisweilen Regisseure.

Ach, Kehle! Die Sänger: Cenčić, Prohaska, Kammerloher, Novak, Sabata, Selig

Das Verblüffende an Monteverdi ist, dass die handelnden Personen allesamt zwiespältige Halunken sind. Keine ist immun gegen die Schlechtigkeit der Welt. Und keine ist der Anteilnahme des Zuschauers unwürdig. Auch Obermacker Nero nicht.

Flugs macht nämlich Amor höchstpersönlich Kaiser Nero zum Spielball seiner Launen. Und prompt folgt Nerone alias Max Emanuel Cenčić ungezügelt seinen Gelüsten. Nerone begehrt Poppea. Cenčić singt das in immensen und flammenden Arien. Sein Timbre ist reich, die Stimme energisch und wohltuend kompakt und herzbewegender Aufschwünge fähig. Cenčićs Countertenor trägt den Abend.

Anna Prohaska L'Incoronazione di Poppea Staatsoper Berlin

Ey, was guckst du? Anna Prohaska überlegt / Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

Wie in Nero verquicken sich auch in Poppea Liebe und Politik zu einem unentwirrbaren Kuddelmuddel. Die machtbesessene Poppea wird von der zartgliedrigen Anna Prohaska verkörpert. Als liebliches Lolita-Nymphchen in Nylonstrümpfen ragt Poppea als eine der wenigen Protagonisten auch optisch in die Jetztzeit hinein. Prohaskas nicht zu große Stimme meistert immer noch die Balance aus federleicht und unterkühlt und lässt ihre vibratoarmen Gesangslinien wie lilienweiße Arme um Neros Nacken gleiten.

Nichts als Kummer hält das Schicksal für Kaiserin Ottavia (Katharina Kammerloher) bereit. Ottavia stolziert zwar mit bauschigem Velázquez-Kleid und kühnem Haarturm durch Rom. Aber Nero hat die Nase voll von ihr. Während Nero und Poppea wie die Turteltauben schäkern, hebt Ottavia zu ihrer Weltabschiedsarie Addio Roma, addio patria an, ein musikalisches Prachtwerk sondergleichen, stolz im Gestus und ergreifend als Trauerklangrede.

Auch Ottone, Poppeas Ex (Xavier Sabata), sitzt im Schwitzkasten der Affekte fest. Poppea begehrend, Drusilla liebend, trifft Ottone der Befehl der Kaiserin zum Mord an Poppea auf dem falschen Fuß. Umso besser, dass Countertenor Sabata den Ottone (ein Glatzkopf im Muskel-Shirt, der das Herz am rechten Fleck hat) wohlklingend und kantabel realisiert. Den Tugendbolzen Seneca singt Franz-Josef Selig mit urigem Philosophenbass. Als einzige handelnde Person im heutigen Sinne fühlend seelenbegabt scheint Drusilla, die Geliebte Ottones, der Evelin Novak frischen und berührenden Sopranglanz gibt.

L'Incoronazione di Poppea an der Staatsoper Berlin

Tiepolo-Pracht: L’Incoronazione di Poppea an der Staatsoper Berlin / Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

In der Hosenrolle des Valletto – als Page der Kaiserin – gefällt die quirlige Lucia Cirillo als sichere und technisch virtuose Protagonistin. Kleine Rollen gehören Gyula Orendt, Linard Vrielink, Narine Yeghiyan, Florian Hoffmann und David Oštrek. Eine Nummer für sich ist das Ammen-Gespann aus Jochen Kowalski (Ottavias Amme Nutrice) und Mark Milhofer (Poppeas Amme Arnalta), wobei Milhofers dramatisch verschlagene Arnalta in der Arie Oggi sarà Poppea di Roma imperatrice über den Aufstieg in die High Society frohlockt.

Diego Fasolis leitet die Akademie für Alte Musik Berlin. Die Musiker geben alles, spielen wie ein wohltrainierter Bizeps stürmische Accompagnati oder akkumulieren intensive Rhythmen und Farben. So hört man voller Faszination eine Oper aus der Frühzeit des Genres, die die Hitze Tristans und das Brio Verdis vorwegzunehmen scheint. Immer wieder steht Faszination neben Befremdung, steht neben verstörender Intensität äußerste Virtuosität. Der packende, gestaltenreiche Ausdruck in Arien, Duetten, Szenen und Introduktionen scheint mitunter modern. Kurz: L’incoronazione di Poppea  ist ein ewig junges Jahrhundertwerk. Fast möchte man sagen: ein ewig junges Jahrtausendwerk.

Viel Applaus für Sänger und Musiker, durchaus freundlicher Applaus, gemischt mit einigen Buhs, für das Regieteam um Eva-Maria Höckmayr.

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