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Oh, wie verrucht war das alte Rom.

Oh, wie genial komponierte Monteverdi.

Es ist nicht ganz falsch, Monteverdis L’incoronazione di Poppea als Urknall der Operngeschichte zu bezeichnen. In Poppea, Monteverdis letzter Oper, 1643 in Venedig uraufgeführt, ist alles enthalten: Liebe und Tod, Intrige und Mord, Triumph und Untergang. Das ist der Stoff, aus dem die Oper ist. Die Liebe geht über Leichen und Amor regiert die Welt. In der Krönung der Poppea tappsen affektgesteuert Menschenschicksale durch die frisch gebackene Musikgattung Oper, verstricken sich immer tiefer in ihre Schicksale und singen sich die Seele aus dem Leib.

Die Formel, mit der Regisseurin Eva-Maria Höckmayr nun Monteverdis erstaunlichem, überreichem Meisterwerk beikommen will,

lautet in etwa: raffiniert farbige Kostüme und üppige Tableaus.

Im Malerischen ist die Inszenierung stark. Röcke in Zitronengelb vor dem Kupfergold des Einheitsbühnenbildes (Kostüme Julia Rösler, Bühne Jens Kilian). Tiepolo-Pracht liegt über dem Ganzen wie märkische Sandluft über Berlin (wenn Sommer ist). Bei so viel Fokus auf das Visuelle dauert es allerdings seine Zeit, bis L’incoronazione di Poppea zum packenden Macht- und Liebesspiel wird.

Solange wackeln noch Perückentürme über die Bretter. Reifröckchen hier, Allonge-Perückchen da. Das wirkt ein wenig banal. Doch es gibt auch kluge Fingerzeige, die helfen, die dramaturgische Figurenkonstellation zu durchleuchten. Poppea wickelt sich in einer ergreifenden Geste in den Mantel Senecas, zu dessen Tod sie Nero zuvor anstachelte. Und im Moment ihres höchsten Triumphes zieht es Poppea unwillkürlich zu Ottone, ihrem ehemaligen Mann.

Die quietschbunte, im ganzen ordentliche Inszenierung wiegt also ein bisserl leicht.

Oh, wie einfach machen es sich bisweilen Regisseure.

Ach, Kehle! Die Sänger: Cenčić, Prohaska, Kammerloher, Novak, Sabata, Selig

Es wurde oft bemerkt. Die handelnden Personen in Poppea sind zwiespältige Halunken. Keine ist immun gegen die Schlechtigkeit der Welt. Nerone alias Max Emanuel Cenčić folgt ungezügelt seinen Gelüsten. Cenčić singt Neros Begehren in immensen und flammenden Arien. Sein Timbre ist reich, die Stimme energisch, kompakt und herzbewegender Aufschwünge fähig. Cenčićs Countertenor trägt den Abend.

Anna Prohaska L'Incoronazione di Poppea Staatsoper Berlin

Ey, was guckst du? Anna Prohaska überlegt

Auch machtbesessene Poppea (Anna Prohaska) verstrickt sich in einem Kuddelmuddel aus Liebe und Politik. Als liebliches Lolita-Nymphchen in Nylonstrümpfen ragt Poppea als eine der wenigen Protagonisten auch optisch in die Jetztzeit hinein. Prohaskas nicht zu große Stimme meistert immer noch die Balance aus federleicht und unterkühlt und lässt ihre vibratoarmen Gesangslinien wie lilienweiße Arme um Neros Nacken gleiten. Ganz anders spielt das Schicksal mit Kaiserin Ottavia (Katharina Kammerloher). Trotz bauschigem Velázquez-Kleid und kühnem Haarturm hat Nero genug von ihr. Ihre  Weltabschiedsarie Addio Roma, addio patria ist ein musikalisches Prachtwerk sondergleichen, stolz im Gestus und ergreifend als Trauerklangrede.

Ottone, Poppeas Ex (Xavier Sabata, ein Glatzkopf im Muskel-Shirt, der das Herz am rechten Fleck hat) begehrt Poppea, liebt Drusilla und verleiht dem Gefühlszwiespalt zwischen Mordbefehl (durch Ottavia) und Gewissen wohlklingend kantable Gegenwart. Den Tugendbolzen Seneca singt Franz-Josef Selig mit urigem Philosophenbass. Als einzige handelnde Person im heutigen Sinne fühlend seelenbegabt scheint Drusilla, die Geliebte Ottones, der Evelin Novak frischen und berührenden Sopranglanz gibt.

In der Hosenrolle des Valletto – als Page der Kaiserin – gefällt die quirlige Lucia Cirillo als sichere und technisch virtuose Protagonistin. Kleinere Rollen gehören Gyula Orendt, Linard Vrielink, Narine Yeghiyan, Florian Hoffmann und David Oštrek. Eine Nummer für sich ist das Ammen-Gespann aus Jochen Kowalski (Ottavias Amme Nutrice) und Mark Milhofer (Poppeas Amme Arnalta), wobei Milhofers dramatisch verschlagene Arnalta in der Arie Oggi sarà Poppea di Roma imperatrice über den Aufstieg in die High Society frohlockt.

Diego Fasolis leitet die Akademie für Alte Musik Berlin. Die Musiker geben alles, spielen wie ein wohltrainierter Bizeps stürmische Accompagnati oder akkumulieren intensive Rhythmen und Farben. So hört man voller Faszination eine Oper aus der Frühzeit des Genres, die die Hitze Tristans und das Brio Verdis vorwegzunehmen scheint. Immer wieder steht Faszination neben Befremdung, steht neben verstörender Intensität äußerste Virtuosität. Der packende, gestaltenreiche Ausdruck in Arien, Duetten, Szenen und Introduktionen scheint mitunter modern. Kurz: L’incoronazione di Poppea  ist ein ewig junges Jahrhundertwerk. Fast möchte man sagen: ein ewig junges Jahrtausendwerk.

Viel Applaus für Sänger und Musiker, durchaus freundlicher Applaus, gemischt mit einigen Buhs, für das Regieteam um Eva-Maria Höckmayr.

Foto: Bernd Uhlig