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Ein hörenswertes, beziehungsreiches Programm der Staatskapelle Berlin.

Schönbergs Kammersinfonie Nr. 2 op. 38 zählt allmählich zu den gespielten, verbindlichen Werken, immerhin rund 80 Jahre nach Fertigstellung und Erstaufführung. Sei’s drum. Beethovens 9. brauchte kaum weniger lange. Wie diese hat Schönbergs op. 38 die Fülle der Einfälle und die schroffe Ausdrucksgewalt. Heras-Casado spielt das späte Werk als das jung gebliebene Hauptwerk, das sie ist. Anklänge an Werke anderer Komponisten wirken als magische Echos. In Flötenstellen (Claudia Stein) hört man das Schimmern von Debussys Klarheit, im zweiten Satz Mahlers Siebte, im fantastischen Molto Adagio – fast schauerlich – Wagner (3. Parsifalvorspiel, in der Hornfanfare gar so etwas wie das Urbild eines Leitmotives aus dem Ring). Pablo Heras-Casado bietet das Werk in großer Form und lebhaft plastischer Wiedergabe, verdichtet im Klang und gestrafft in Dramaturgie und Tempo (dieses ist zügig, doch nie eilend).

Dem Concerto für Klavier und Bläser (Igor Strawinsky) hätte mehr räumlich-klangliche Entfaltung gut getan. Besonders Unterscheidbarkeit und Präzision des Blechs leiden hierunter. Der Grund liegt wohl doch im räumlich beengten Saal. Auch der offene Flügel trägt zum massierten Klangbild bei – man meint bisweilen, die Psalmensymphonie statt des Klavierkonzerts zu hören. Am Flügel ist Plamena Mangova mit ausgreifendem Schwung und genauem Können auf bestem Weg. Doch welch feurige Rechte Plamena Mangova zur Verfügung steht, hört man erst in den beiden Zugaben.

Den Beschluss macht Haydns Symphonie mit dem Paukenwirbel (Nr. 103), deren zwingendes Trio und meisterhaftes Finale begeistern. Das gilt auch für Menuett und Adagio-Einleitung unter dem vorzüglich sicher und klar dirigierenden Spanier. Gerade das Trio wirkt in seiner Einfachheit unerreichbar gelungen. Der langsame Satz bleibt heute ungeachtet der originellen Doppelvariationen in Wirkung und Substanz vielleicht hinter Variationssätzen des 19. Jahrhunderts zurück. Spürt man nicht mehr Schablone und Konvention als kunstvolle Konstruktion und nahtloses Gelingen? Die Staatskapelle unter Gustavo Dudamel vor einiger Zeit fand ich mit der Nr. 103 trotz aller nun im Pierre-Boulez-Saal hörbaren Schönheiten reicher.

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