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Auch die Wiener Philharmoniker kommen zum Feiern nach Berlin. Zwar geht das Wiener Weltklasse-Orchester (Arte-Moderatorin Annette Gerlach würde von „einem der weltbesten Weltklasse-Orchester“ sprechen) in die Staatsoper und nicht ins Berghain. Aber schließlich sind die Wiener alles andere als gemeines Touri-Fußvolk. Nein, in die altehrwürdig-neu eröffnete Staatsoper zieht es die Musiker. Im Gepäck haben sie Musik der Wahlwiener Haydn & Brahms und des Transleithaners Bartók.

Womöglich am verblüffendsten läuft’s bei der bisweilen unterschätzten Tragischen Ouvertüre von Brahms. Die Wiener Philharmoniker sind ja beides, Wahlwiener und Schon-immer-Wiener, und ihr Brahms gelingt deshalb so einfach, aber gerade das muss höllisch schwer sein. Die Tragische Ouvertüre klingt kaum tragisch und wenig nach Ouvertüre. Stattdessen Bläserlinien, Geigenglanz, Atmen, überall. Alles fließt, Licht und Schatten verfließen wie der Schlagobers und die heiße Schokolade im Kaffeehaus. Schon diese zehn denkwürdigen Minuten, aus denen jede Äußerlichkeit verbannt ist, lohnen das Kommen.

Haydns Sinfonia Concertante wird zur Lehrstunde klassischer Musik. Die autonome Stimme wird in den Diskurs eingebunden, Sinnzusammenhang wiederum entsteht aus dem akribischen Detail. Haydns Klarheit aber mildert der Dirigent: Zubin Mehtas entspannte Zeichengebung tendiert alleweil zum freundschaftlichen Moderieren, und die Wiener Philharmoniker sind ihrerseits ein unendlich feinfühliges Solistenbegleitorchester. So dient das Tutti (voller Feinschliff und dosierter Schlagkraft) als Fond für die feine, vielseitige, biegsame Kunst der vier Philharmoniker-Solisten, von denen Sophie Dartigalongue (Fagott) einigen Zuhörern nicht unbekannt sein dürfte, war sie doch einst hiesige Philharmonikerin. Mehtas Haydn ist keiner, dem man plakative Modernität nachsagen würde, doch das beabsichtigt in der vollen Staatsoper ohnehin niemand. Genauso gut kann man auf dynamische Nuancen und feinfühlig herausgeschmeckte Motivzusammenhänge hören. Das macht genauso viel Spaß.

Zum Abschluss Bartóks Konzert für Orchester.

Zubin Mehta bremst auch hier die Dynamik, aber durchaus nicht zum Nachteil der Musik. So blitzt kammermusikalisch fein und frei der Nachsatz des Themas. Solch ein Bartók, oder besser: solch ein Wiener Bartók ist durchsichtig bis auf den Grund der Partitur. Die Bläsersoli tönen beseelt und sorgfältig (Oboe und Klarinette), bunt (aber auch bedächtig im Entfalten der Stimmenschichtung mit durchaus hörbaren Einzelstimmen) tönt der Blechklang der Fanfaren. Sanft gedrosselt dann wieder die Dynamik in der Durchführung. Und organisch frei fließen die holzbläsergetragenen Piano-Passagen.

Mehta und die Wiener Philharmoniker spielen ein Konzert für Orchester von verborgener Klassizität, des schlanken Klangs, der distinkten Orchesterfarben, der schier unendlich aufzufächernden Farbpalette.

Der zweite, mit Duetten von Bläserpaaren angefüllte Satz kommt mir um ein Weniges vordergründiger vor – ist es vielleicht auch von Natur aus. Der dritte ist auf großer Höhe. Er entfaltet sich konsequent, bietet zwischen den dynamischen Spitzen (wiederum komplexer Klang!) und Einzelstellen wie der zentralen Bratschenstelle selten zu machende Hörerfahrungen. Der vierte Satz mit köstlicher Till-Eulenspiegel-Reverenz und grandioser Flötenstelle und das Finale wirken lockerer gefügt als sonst. Mehta ist ein Gemächlicher. Auch hier erstaunt, wie die scheinbar mit allen Wassern gewaschenen Musiker je nach Partiturstelle zu Klangkombinationen finden, von denen vielleicht sogar Bartók hin und wieder nichts ahnte.

Die Zugabe? Kaiserwalzer? Kusswalzer? An der schönen, blauen Donau? Geh! Das ist der Frühlingsstimmenwalzer, und zwar federleicht dargeboten im Vergleich zu Carlos Kleibers Neujahrskonzert-Version Anno 1989.

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