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Weia! Waga! Die letzte Runde für Castorfs Öl-Ring ist eingeleitet.

Falsch und feig ist, was dort oben sich freut.

Rheingold Alberich Die Nibelungen

War früher alles besser? Im Rheingold, also in unbestimmter weltgeschichtlicher Frühzeit, wird um Reichtum und Menschen geschachert, dass es eine Lust ist. Die handelnden Personen begehen Vertragsbruch, Diebstahl, Menschenraub. Obendrein ist Rheingold die Kapitalistenoper schlechthin. So ist Frank Castorf auf die schlickige, schwarze Öl-Metapher gekommen. Obwohl gerade die im Lichte des Rohölpreisverfalls, im Lichte der deutschen Auto-Krise schon an Strahlkraft verloren hat.

Sängerisch hat sich gegenüber dem 2016er-Rheingold wenig getan. Fricka singt statt Sarah Connolly nun Tanja Ariane Baumgartner. Daniel Behle ersetzt Tansel Akzeybek als Froh.

Gehört auf BR-Klassik.

Das Götterehepaar Wotan und Fricka singen Iain Paterson und Tanja Ariane Baumgartner. Mit beiden kann man nicht grenzenlos zufrieden sein. Der Schotte Paterson hat einen mauen Start. In den rezitativartigen Passagen des ehelichen Streitgesprächs mit Fricka fehlt die rechte plastische Diktion und in den ariosen Bögen Stimmschönheit. Man hat auch das Gefühl, dass Paterson den vielfältigen Aspekten des von ihm verkörperten Charakters nicht voll Rechnung trägt. Wotan ist in Rheingold ja schon unten durch, ist verblendeter Hasardeur und pompöser Großsprecher, hilfloser Filou und göttlicher Zyniker. Er lernt den Fluch des Ringes frühzeitig fürchten. Das alles spürt man bei Paterson nicht immer. Mal wünscht man dem Schotten mehr den Text festnagelndes Stimmgewicht, mal mehr Prägnanz im flüssigen Parlando. Aber ja, in den wuchtigen Affektgipfen (Halt, du Wilder! Nichts durch Gewalt oder So grüß‘ ich die Burg, sicher vor Bang und Grau’n) hat Paterson Durchschlagskraft. In das eheliche Geplänkel (Szene 2) bringt Fricka Tanja Ariane Baumgartner ein enges Vibrato und die brustige, dunkle Stimme ein. Andererseits nennt sie feurigen Ausdruck und rhetorische Vielfalt ihr eigen. Gar nicht schlecht.

Albert Dohmen ist da aus anderem Wagner-Holz geschnitzt. Wie Wotan, so erlebt Alberich im Rheingold Höhen und Tiefen. Erst ist er der vom Liebes-Pech peinsam Verfolgte, dann leuteschindender Frühkapitalist, von Loge übertölpeter, neureicher Prahler. Und ganz zuletzt derjenige, der den Fluch gegen Wotan schleudert. Dohmen meistert diese echt nibelungische Charaktervielfalt vollumfänglich, trotz flacher gewordener Höhe, besonders drohend und bös auffahrend in Das Licht lösch‘ ich euch aus. Bekanntlich gab Wagner dem Nibelung Nr. 2, also dem Mime, weit weniger Charakterfülle mit auf den Weg. Nur Prügel und Selbstmitleid hat Mime in Hülle und Fülle, allerdings weiß der spielfreudige Andreas Conrad genau das glänzend auf die Bayreuther Bretter zu bringen.

Loge ist Saccà. Roberto Saccà hat mir schon 2016 gut gefallen. Er singt den Loge nicht nur als selbstverliebten Quasselheini und listenreichen Intellektuellen. Das hört man bei dem klangkonzentrierten Saccà zwar auch. Doch Saccà geht es auch um den Ernst der Figur. Er meint es ernst mit der Moral. Dieser Loge hat seine Würde. In Parlando-Beweglichkeit bewährt, von erprobter Akzenthärte und -helle, bietet Saccà großes Sängerkino.

Froh, Freia, Donner sind seit je die B-Promis innerhalb der Sippe der Lichtalben. Es singen Daniel Behle einen agilen, enorm höhensicheren Froh, Markus Eiche einen charakteristischen Donner. Nur Heda! Heda! Hedo! klingt ungut pompös, wohl auch, weil Janowski zu sehr auf die Tube drückt. Freia Caroline Wenborne fehlt es an Wortdeutlichkeit, sie singt aber authentisch hysterische Hilferufe.

Das kulturlose, proletarische Riesenpaar ist mit Günther Groissböck (Fasolt) und Karl-Heinz Lehner (Fafner) adäquat besetzt. Groissböcks Fasolt verleiht seinem Zorn auf Wotan mit wuchtiger, nerviger Schwärze Nachdruck. Lyrischen Anwandlungen, die Fasolt, der ein Auge auf Freia geworfen hat, nicht fremd sind, vermag Groissböck Dringlichkeit zu geben. Lehners Fafner steht Groissböcks Fasolt an Schärfe der Charakterzeichnung kaum nach. Die plauderfreudigen Rheintöchter singen die kecke Alexandra Steiner (Woglinde) mit sensibler Höhe und aparter Stimmschlankheit (Steiners Stimme spiegelt Affekte gar lieblich), die kraftvolle Stephanie Houtzeel (Wellgunde) sowie Wiebke Lehmkuhl (die die Schwestern vor zu viel Keckheit warnende Flosshilde) mit traulichem Alt und voller Höhe. Zu guter Letzt verkörpert die mächtige Nadine Weissmann Erda. Erda trägt Glitzerfummel unter kokainweißen Kunstpelzmantel und Weissmann singt sorgfältig. Sinnlich flackernd gerät das, voluminös durchschlagend.

Ist wirklich erst ein Jahr vergangen, seit Marek Janowski den Ring von Petrenko übernahm? Auf jeden Fall hat Janowski den Laden im Griff. Er dirigiert sachlich rasch, herzhaft deutlich, zielstrebig, druckvoll, siehe die szenenverbindenden Zwischenspiele. Griffig im Detail – so tönt es aus dem Bayreuther Graben. Bisweilen zu griffig. Denn die Trompete des Rheingoldmotivs vor Heiajaheia! hat die Eindeutigkeit eines Abziehbildes. Ähnlich kernig tönt das Riesenmotiv (Sanft schloss Schlaf dein Aug‘). Andererseits, wie deutlich, wie unverschwurbelt, wie klar steigt Janowskis Wagner aus dem Graben. Für Janowski ist der Ring nicht große Oper, sondern deutsche Wertarbeit. Aber was für eine! Janowski nimmt Wagner beim Wort. Passt schon. Manchmal vielleicht zu sehr. Janowski geht linear an der Partitur entlang. Das kann einseitig klingen. Durch Witz, Doppelbödigkeit, lustspielhafte Leichtigkeit gar, zeichnet sich sein Dirigat nicht aus. Doch was ich höre, reicht für das Prädikat „sehr gut“.

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