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Yannick Nézet-Séguin sagt ab. Er ist krank. C’est dommage, c’est dommage.

Aber Ludovic Morlot, der Programm und Solistin übernimmt, ist auch nicht ganz schlecht.

Berlioz, das musikalische Master Mind der französischen Romantik, hatte es selten leicht im Leben. Schon gar nicht am Anfang seiner Karriere. Die Kantate La Mort de Cléopâtre war Berlioz‘ dritter und immerhin vorletzter Versuch, den begehrten Rompreis zu gewinnen. Gounod gewann 1839, Bizet 1857, Massenet 1863, Debussy 1884. Und Ravel gewann gar nicht. Zurück zu Berlioz. In der „Scène lyrique“, dieser in heutigen Konzertsälen hochspeziellen Kuriosität, überzuckert Berlioz klassisches Pathos mit romantischer Glut. Wenn Joyce DiDonato sodann ihren Luxus-Mezzo für Berlioz‘ spektakuläres Frühwerk ins Feld führt, dann singt die US-Amerikanerin mit metallischem, reichem, brillantem Timbre, innig leuchtender Höhe, ausgeglichenen Registern und schier unendlich reicher Farbe. Da ist dann alles in bester Mezzo-Butter.

Vor allem, weil Joyce DiDonato die Kantate mit einer hinreißenden Mischung aus Temperament und Kalkül serviert. Sie wirft sich mit Bravour und Verve in die beiden Rezitative, brilliert bei den vielen unterschiedlichen Tempi, macht aus dem Largo misterioso („Meditation“) mit der originellen Anrufung der Pharaonen („Grands Pharaons, nobles Langides“) ein Fest düsterer Ausdrucksnuancen. Aber man merkt doch auch, dass der US-Amerikanerin auch um Kontrolle, um die Erlangung der Deutungshoheit, um die Interpretation geht.

Joyce DiDonato Berlioz La mort de Cleopatre Berliner Philharmoniker Ludovic Morlot

Joyce DiDonato singt Berlioz / Foto: joycedidonato.com

Bei solch ungewöhnlichem Mezzo-Spektakel seien einige beobachtenden Anmerkungen gestattet. Joyce DiDonatos flammendes Temperament pusht ihren exquisiten Mezzo manches Mal zu einer Art Overacting, als wär’s ein affektgesättigtes Power-Stück von Händel. So peppt die Diva La Mort de Cléopâtre mit üppigem rhetorischem Feuer auf. Ja, da ist sie eine singing actress par excellence. Manches wirkt so überbeleuchtet, die Linienführung manieriert. Dann noch ein paar Kleinigkeiten: Einige Vokale werden sehr offen gebildet. Die Vollhöhe (die B’s zum Beispiel) klingt leicht, hier ist das charakteristisch zitternde Vibrato besonders vernehmlich. Nichts Wildes ist, wenn ich richtig gehört habe, eine Nachlässigkeit der Aussprache: „J’ai caché sur (statt sous) des fleurs“.

Diese „Scène lyrique“ ist ja alles andere als supereinfach. Sie verlangt langen Atem, einen Haufen technischer Skills, und Ausdruck und Interpretation wollen auch untergebracht sein. Wer sich einen Überblick über bisherige Interpretationen verschafft, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Vesselina Kasarova ist objektiver, doch nicht so reich wie Joyce DiDonato. Olga Borodina singt altmodischer und technisch schlechter. Véronique Gens zarter und unendlich französischer. Gwyneth Jones ist klassischer, die große Christianne Stotijn rührender.

Ludovic Morlot bremst a bissl. Und dass selbst bei den Berliner Philharmonikern die Gruppenkoordination bisweilen kein Selbstläufer ist, hört man Berlioz‘ Kleopatra-Kantate mitunter an.

Es ist ein Programm ganz ohne symphonische Schwergewichte, dafür mit balletös Exquisitem; Ballette von Strawinsky und Ravel nehmen Berlioz in die Programm-Zange.

Von Igor Strawinsky erklingt die vollständige Ballettmusik Feuervogel. Je nach Zählweise kommt man auf 24 oder 14 Nummern. Das dauert, man wird jedoch durch das Erklingen weniger bekannter Nummern wie Dialogue de Kachtcheï avec Ivan Tsarévitch oder Mort de Kachtcheï belohnt. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn Morlot die Ballettmusik sauber und klar, in den Details etwas hart, zu Gehör bringt. Jeder Bläserbogen tönt blankgeputzt. Also, Morlot legt sich nicht mit Herzblut in jede melodische Kurve, und Klarheit geht vor kontrapunktischen Furor.

Dass die vorletzte Jahrhundertwende die Zeit war, in der das Märchen hochkulturwürdig und konzertsaaltauglich wurde, zeigt gleich zu Beginn Ravels mit schwebenden Phrasierungsschwerpunkten ausmusizierte Gänse-Story Ma Mère l’Oye.

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