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Katja Kabanowa Eva-Maria Westbroek Berlin Staatsoper

Der Sopran, der aus dem Kühlschrank kam: Eva-Maria Westbroek als Katja Kabanowa / Foto: Matthias Baus

War da nicht was?

Die Oper Katja Kabanowa nach Alexander Ostrowskis Drama Gewitter, komponiert vom 65-jährigen Leoš Janáček, ist ein Fanal gegen provinzielle Hartherzigkeit.

Auch und besonders an der Staatsoper Berlin.

Dafür sorgt schon die Regie in Person von Andrea Breth, die um die „Katja“ eine schiefergraue Tristesse baut, die kaum zu toppen ist. Plätschernder Dauerregen, Echtwasserrinnsale und postsozialistischer Matratzenmüll schaffen beklemmend detailreiche Trostlosigkeit. Willkommen im symbolisch verdichteten Bühnen-Realismus. Nur wenn die Kabanicha es sich und Dikoj besorgt, wird’s bissig drastisch.

Wie das zu dem feinverwobenen Motiv-Staccato passt, das sich kleinteilig und eindringlich, aber auch in Ausdrucks-Aufschwüngen gipfelnd durch dieses Präzisions-Uhrwerk von einer Partitur zieht?

Es funktioniert soso.

In der Traumerzählung (1. Akt), der Liebesszene am Fluss (2. Akt) oder bei Katjas Schlussmonolog (3. Akt), wenn die Musik nichts als ein loderndes Inferno von Ausdrucksgesten ist, dann mutet die Lesart Breths doch abstrakt unterkühlt an, von dunkler Wucht zwar, doch insgesamt etwas unfruchtbar statisch.

Eva-Maria Westbroek ist Katja, und Westbroeks Katja ist renitent vor Sehnsucht und hoffnungslos vor Ausweglosigkeit. Mehr Seelennotlage geht nicht. Von Andrea Breth in mausgrauer Strickjacke in Szene gesetzt, erobert sich Westbroek weiten Ausdruckssraum mit ihrer schwer leuchtenden Sopranstimme. Die strahlt üppig und massiv, beeindruckt als emotionale Dampfwalze, die noch jeden Orchesterteppich plattwalzt.

Der Boris von Simon O’Neill ist ein sensibler und zugleich seltsam abwesender Liebhaber Katjas, so als käme er direkt aus dem Kirschgarten nebenan. Gesungen wird das allerdings von O’Neill mit imposant schneidigem Tenor.

Katja Kabanowa_Anna Lapkovskaya Berlin Staatsoper

Blümchenkleid versus Bundfaltenhose: Anna Lapkovskaya und Stephan Rügamer / Foto: Matthias Baus

Mit der Person der Kabanicha schuf Janáček eine Überfigur, eine repressiv-herrschsüchtige Schwiegermutter, einen Tyrannosaurus Rex an Bösartigkeit, die (oder den) Rosalind Plowright mit Schärfe und Pfeffer in der Stimme singt. Der Tichon, ein fieser Mix aus Muttersöhnchen und Frauenschläger, findet in Stephan Rügamer (sehr präsent, auch darstellerisch) seinen Tenor-Meister, die junge, freiheitsliebende Varvara singt mit schön leuchtendem Mezzosopran Anna Lapkovskaja. Florian Hoffmann verkörpert den burschikosen Kudrjasch mit biegsamem Tenor, Pavlo Hunka die grunzende Schnapsleiche Dikoj, Arttu Kataja den wissenschaftsinteressierten Kuligin, während Fekluscha (Adriane Queiroz) und Glascha (Emma Sarkisyan) in pechschwarzer Bauernburka über die Bühne huschen.

Am Pult, im Graben, vor der Staatskapelle Berlin steht, nein, schuftet Simon Rattle. Er leitet der Janáček’schen Partitur Hitze und Energie zu, gewinnt den rätselhaft-obstinaten Motivrepetitionen und Motivkreisläufen eine klaustrophobische Enge ab, bündelt deren Lakonie zu gestischer, quasi-sprachlicher Energie, grad als drückte Komponist Janáček der tschechischen Sprache das Stethoskop ganz fest auf den Brustkorb. Hart und grell stechen die aus solcherlei Stauhitze sich entladenden Fanfaren hervor. Wow: Akzente haben schneidende Schärfe. Doch Rattle wäre nicht Rattle, hätte er nicht das Ohr für die hymnischen, breit gezogenen Ausbrüche, die die wundersame, faszinierende Oper Katja Kabanowa wie vitale Hauptschlagadern durchfurchen.

Die Reaktion des Publikums war im Ganzen ausgesprochen euphorisch.


Weitere Kritik von Katja Kabanowa mit Eva-Maria Westbroek und Simon Rattle:

Beeisschränkt: Leoš Janáčeks Katja Kabanowa an der Staatsoper“ (hundert11 – Konzertgänger in Berlin)

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