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Nabucco Berlin Deutsche Oper Judit Kutasi Liudmyla Monastyrska
Expeditionen ins frühe Verdi-Œuvre sind so spannend wie selten. Italien kennt seinen Risorgimento-Verdi. Aber Berlin? Zumindest den prominenten Nabucco hat man so ungefähr im Ohr.

Verdis drittes Bühnenwerk hat alles, was Italiener in den frühen 1840ern von der Oper verlangten: eine gefährlich missgünstige Nebenbuhlerin (hier: eine feurige Assyrerin), ein Dignität verbürgendes historisches Milieu (hier: die Juden im babylonischen Exil), musikalische Magie („Va, pensiero!“) und ein Happy End. Da vergisst man rasch das grotesk gestraffte Libretto.

Im Zentrum des Verdi-Abends an der Deutschen Oper Berlin steht die ränkeschmiedende Giftspritze Abigaille, gesungen von Liudmyla Monastyrska, die eine aufregende Vorstellung gibt. Das liegt natürlich an Monastyrskas dramatischer Koloratur, die wild und kühn ist, aber auch an ihren berührenden Piani (man höre ihre finalen Reueseufzer „Su me… morente… esanime„). Monastyrska ist die von extremen Affekten (heftig liebend, lodernd hassend) zerrissene Sklavin, die sich zur Fake-Königstochter mausert, um am Schluss aus höchster Fallhöhe direkt in den Exitus zu plumpsen. Ihr Timing in „Anch’io dischiuso un giorno“ ist bewundernswert.

Nabucco Berlin Deutsche Oper Judit Kutasi Liudmyla Monastyrska

Der Slowake Dalibor Jenis singt mit herrischem Bariton (kerniges Timbre!) einen muskulös-gespannten Nabucco, das klingt dramatisch plausibel, so dass man schier vergisst, dass Libretto-Autor Temistocle Solera den Assyrer-Herrscher denkbar unglaubwürdig zwischen Gottgleichheit und Glaubensdemut pendeln lässt. Aber so ist Oper. So singt Jenis seinen Nabucco weniger mit royal-sonorer Würde als mit dem Feuer des vom Schicksal Heimgesuchten. Der aufrechte jüdische Krieger Ismaele wird von Tenor Attilio Glaser mit energischer Bravour und klar definierten Tönen verkörpert, und Ievgen Orlov singt den glaubensfesten Hohepriester Zaccaria mit raspelrauem, klassisch schwarzem ostslawischem Bass. Als sanfte Konvertitin Fenena versprüht Judit Kutasi überraschend glühende Mezzo-Lava, während Alexei Botnarciuc als assyrischer Oberpriester, Jörg Schörner als aufrechter Abdallo und Seyoung Park als treue Seele Anna auf der Bühne zu sehen und hören sind.

Bleiben die Chöre, die Verdi mal mit rauer melodischer Hand straff und scharf in Szene setzt, mal als feierliche, still lodernde Bühnenkunst, wie im Gottgebet „Va, pensiero!“, passieren lässt, wobei sich der Chor der Deutschen Oper Verdi-Lorbeeren höchsten Grades ersingt.

Die Keith-Warner-Inszenierung von 2013 nutzt klug Massenauftritte und Drehbühne, in den Chor-Tableaus entfaltet sich kollektive Wucht, aber es stimmt schon, was Volker Blech in der Berliner Morgenpost sagte: „Er – Keith Warner – hat die seltene Gabe, dem Publikum große, szenisch beeindruckende Symbole entgegen zu halten, worüber dieses stundenlang grübeln und keine tiefer liegende Erklärung finden kann.“ Das wirkt mehr möbliert als inszeniert, diese Geschichte, die von Krieg und Gefangenschaft, Gottlosigkeit und Gewalt erzählt.

Im Orchestergraben bringt Paolo Arrivabeni Verdis Frühchen zum Glühen und Glitzern, wenn auch nicht mit allerhöchstem Verdi-Feuer und mit bisweilen allzu robuster Spritzigkeit, und dennoch stimmt das reißende Brio der Accellerandi in den Ensemble-Tuttis ebenso wie das blechlastig kantige Pathos von Ouvertüre und Aktfinals. Verdi ist und bleibt der Komponist der dramaturgisch unmittelbar wirksamen Sinnfälligkeit.

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