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Riccardo Muti Berliner Philharmoniker 2017

Ein vorzügliches Konzert.

Riccardo Muti ist ein älterer Herr, gediegene Maestro-Aura umweht ihn, Beweis und Zeichen dessen: der wallende Mittelscheitel. Die Brille (großes Sichtfeld) deutet auf Abwesenheit von Eitelkeit- bis man die gelbe Tönung bemerkt. Der dezente Hüftschwung eines Fünfundsiebzigjährigen! Ist das Mutis sinnenfrohe Altersmilde? Aber es gibt auch Momente kompromissloser Dirigier-Strenge, einen Geste der Rechten, ein ungnädiger Blick. Charakteristisch ist die breite Mundpartie.

Wie Barenboim tritt auch er mitten im Stück zurück, pausiert, lässt die Arme sinken, lässt die Musiker spielen, folgt dem Treiben der Musik. Das sind die Privilegien älterer Herren.

Das Programm ist klassisch-konservativ, doch frei von bildungsbürgerlichem Bohei. Zwei Sinfonien, sonst nichts. Die Karajan-Zeiten lassen grüßen.

Schubert liegt Muti am Herzen, vor zwei Jahren dirigierte er bei den Berliner Philharmonikern die Ouvertüre im italienischen Stil. Die 4. Sinfonie datiert von 1816, 19 Jahre war Schubert da alt. Nackte Transparenz will Muti nicht. Die überließ er Harnoncourt. Die warmtönigen Streicherstellen, bei denen auch die Bläser farbverstärkend mitmischen, wirken als Transparenzverdicker. Phrasierungs-Ecken werden abgeschliffen, das Streicher-Tutti ist in geradezu ostentativer Weise nicht brillant, sondern korporativ beseelt, ja fast kompakt, wie Riccardo Muti Akzente einbindet, gestische Äußerlichkeit meidet. So liegt über allem romantische Weichheit, eine glückgewärtigende Ungenauigkeit. Dabei wahrt der Klang eine Offenheit, ein Al Fresco, das auf die Struktur zurückschlägt. Muti dirigiert lässig, auf eine gewisse distanzierte Art vor- und mitfühlend, besonders eindrucksvoll im Mittelteil des langsamen Satzes.

Überhaupt ist der langsame Satz – trotz einiger Länge bei tendenzieller Monothematik – ein Wunder an Konzentration, an mildbewegtem Cantabile, an Zusammenspiel von Streichern und Bläsern. Da ist das Tempo, ruhig, fast statisch, und doch bewegt, maßgeschneidert für das sich in großen Akzenten steigernde, aussingende Melos. Da ist ein zum Leisen hin erweitertes Dynamikspektrum, dessen Pianissimo entzückt. Nichts ist zu leicht, zu wenig intensiv.

Auch das Menuetto glückt im Disparates – Farbe, Akzent, Stimmen, Prozess – sammelnden Fluss. Zuletzt das Finale, in dem alles stimmte, das nervöse Thema, die festlich-pompösen Schlüsse.

Die Exposition des ersten Satzes wird wiederholt, zum Zeichen von des Dirigenten ernster Musik-Gesinnung, an den Hörer gerichtet indes als Mahnung des Hinhörens.

„Sitzt“, „richtig“, Unisono-Holzbläser

Tschaikowsky schrieb seine Vierte 1877/78. 1877, das ist das Jahr von Brahms‘ Zweiter, von Chabriers L’Étoile, von Saint-Saëns‘ Samson et Dalila, Wagner dirigiert in London. In der Vierten sind die Holzbläser doppelt besetzt, die Blechbläser identisch besetzt wie in Beethovens Neunter. Hatte Tschaikowsky ein Sinfonie-Konzept? Wenn, dann galt ihm die Sinfonie als Oper, als Biographie-Leidbild, als wehe Seelenvertonung.

Muti ordnet das Strömen der Musik in ruhigen Wellen – so viel richtige Übersicht hatte zuletzt Haitink bei den Berliner Philharmonikern. Die Melodien mit all ihrer vehementen Süße geraten nicht zum bedenkenlos vorgeführten Naschwerk, sondern werden selbstlos dargeboten. Dazu passt der Klang, dunkel grundiert, satt timbriert, der Streicherklang der Effektstellen tönt kaum extrovertiert. Streichervibrato gibt es wenig. Die lyrisch ausgespannte Breite des zweiten Themas – Mutis Konzept setzt auf Wärme und Lyrismus – im ersten Satz „sitzt“. Und wie „richtig“ werden die Accelerandi gespielt.

Das Con-fuoco-Finale erlebt im ungestümen Einbruch des Schicksals-Mottos seinen Höhepunkt. Die Fatum-Fanfare im dreifachen Forte (zuerst in den Trompeten und Unisono-Holzbläsern, dann in den vier Hörnern) sprengt da herkömmliche symphonische Kategorien, outet sich als flammend-kühnes Bekennerschreiben in eigener Sache – Tschaikowsky führte der Gattung Sinfonie auf diese Weise viel Frischluft zu.

Dazwischen das kummerbeladene Andantino, bandwurmartig und repetitiv, mit seiner autobiographisch akkumulierten Melodie, die von wehmütigen Gefühlen handelt und von den Philharmonikern ausgesponnen wird, bis sie von den Celli und dann vom Solo-Fagott nach Hause gebracht wird (Die Solo-Bläser klingen spröder als bei Rattle, die Streicher wärmer – womöglich hatte deswegen das Trio Betulichkeits-Schlagseite).

Ein vielfach erkenntnisreicher Abend mit Riccardo Muti.

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