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Andrea Chénier Deutsche Oper Berlin

Andrea Chénier, das ist die klassische Dreiecksgeschichte in der Variante Revolutionsdrama. Die Moral von der Geschichte? Im Schatten der Guillotine ist schlecht lieben. Und der Brite John Dew inszenierte Umberto Giordanis Verismo-Meisterwerk an der Deutschen Oper Berlin grell und unmissverständlich. Der erste Akt ist eine fulminante Leistungsschau der Kostümbildnerei.

Für den standhaften und hitzigen Dichter Chénier bringt Tenor Marcelo Álvarez viel virilen Verve und Leidenschaft mit: Der Argentinier strahlt hinreichend revolutionäre Persönlichkeit aus und singt sich mit Caramba und Karacho durch seine zahlreichen Arien. Gut, der Mann lässt sich von seinem Temperament bisweilen zu äußerlichen Effekten (man höre die Partitur-fremden Noten am Schluss von „Un dì all’azzuro spazio“) hinreißen, womit er sich die zwei heftigen Buhs beim Schlussapplaus einhandelt. Doch Schwamm drüber, Álvarez‚ Singen klingt frei, spontan, das Timbre ist angenehm, und dass Álvarez als lyrischer Tenor begann, hört man im ersten Teil des betörenden „Come un bel dì di maggio“, wo er bisweilen klingt wie ein Nemorino, der nur aus Versehen ins Spinto-Fach gewechselt ist.

Ja, man hört es, die Arien in Andrea Chénier sind von auffälligem rhetorischem Reichtum und hymnischem Elan. Dagegen muten die Arien Cavaradossis aus Puccinis Tosca aphoristisch kurz an.

Madeleine, die vom Backfisch zur Donna resoluta gereifte französische Jungadelige, singt María José Siri mit robuster Stimme und unruhigem Breitband-Vibrato, so als befinde sich die Dame im emotionalen Dauer-Ausnahmezustand. Das Timbre erinnert von Ferne an Mirella Freni. Siris Sopran transportiert Gefühl, hat über den gesamten Stimmbereich Farbe und füllt problemlos die Deutsche Oper. Dazu kommen schöne strömende Piani. Was will man mehr? Indes, Verfechter einer reinen vokalen Linie werden (zum Beispiel Harteros-Fans) mit María José Siri wohl nicht glücklich werden.

Der dritte im revolutionären Liebes-Dreieck ist Gérard, ein revolutionärer Rhetoriker von Lenin’schen Gnaden – und ein reicher Charakter, der hasst und liebt und meist beides zugleich tut. George Gagnidze nimmt sich dieses wuchtigen Typs mit der knorrigen Kraft seines Baritons an. Dieser Bariton kann gefährlich vibrieren und blitzt von intensivem, eher monochromem Klang, ganz gleich ob Gérard gerade Machtmensch oder Gefühlsmensch ist.

Auch die Nebenrollen sind adäquat besetzt.

Judit Kutasi schenkt der treuen Bersi das intensive Orange ihres leuchtenden Soprans (allerdings leidet die Verständlichkeit, zumindest in „Temer, perchè?“), die Gräfin, Mutter Madeleines, wird rollenfüllend von Annika Schlicht gesungen, Madelon von der mit eindrucksvoller Stimm- und Leibesgröße aufwartenden Ronnita Miller („Son la vecchia“ mit etwas mühevoll gesetzten Spitzen-G’s). Den launig-zynischen Chénier-Freund Roucher präsentiert mit kräftigem Bass-Organ Ievgen Orlov, der aalglatte Fléville ist Dong-Hwan Lee, der Abbé des ersten Akts der Tenor Attilio Glaser.

Im Graben lässt Paolo Carignani den Verismo-Funken überspringen und erweist sich als zügiger, mit Überblick disponierender Opern-Erzähler. Das Orchester der Deutschen Oper gefällt mit gut aufgelegten Streichern und frischem Bläserklang.

Fazit: Dieser Andrea Chénier ist großes Sängerkino. Er bündelt in zwei kurz gerafften Stunden vier Akte voller Leidenschaft, Gewalt und Tod zusammen.

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