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Es ist ein weites Land zwischen Beethoven, Mauricio Kagel und Bernd-Alois Zimmermann, das da im Konzerthaus durchmessen wird. Beethoven als seriöser Substanzsetzer, Kagel und Zimmermann als Flankengott.

Da ist es für alle Moderne-Angsthasen gut, dass man sich bei Beethovens Klavierkonzert Nr. 2 auf festem sinfonischem Terrain befindet.

Wie spielt er nun, der noch immer von früher Wunderkindaura Umwehte?

Ohren aufmachen, hinhören. Erstaunen: Bei Kit Armstrong klingt noch nicht alles hasenrein. Im Konzert muss der US-Amerikaner ja wie jeder andere erst mal zeigen, was er kann. Anfangs ist er mehr Pianist als Musiker: Der Einstieg in die Solo-Exposition ist uninteressant. Staccati spielt Armstrong überdeutlich, Sforzati (dadurch entsteht überscharf Gezeichnetes) stellt er deutlich aus, künstliche Nervosität liegt in der Luft (also etwas zutiefst Brendel-Artiges). Kein Wunder, dass während der Solo-Exposition in beinah jedem Takt das Konzerthausorchester passender, besser, gelungener spielt (wie frisch und reich klingt das 2. Thema!). 

Dabei ist Armstrongs Anschlag schlank und makellos, die Technik leichtflüssig. So suggeriert Armstrong – weit auseinander stehende Augen unter buschigen Brauen – zuerst mal: alles unter Kontrolle! Spontaneität ist dem jungen Mann bei all seiner staunenswerten Musikalität (noch) ein Fremdwort. So schwankt seine Kantilene zwischen eigensinniger Klugheit und überzüchteter Gedankenblässe. Aber verstehen wir uns richtig. Das alles ist auf bisweilen schwindelerregendem Niveau. Indes, wo es zuzupacken gilt, fehlt seinem Spiel Größe. Noch?

Ungleich schöner dann das Adagio. Wunderschön, wie der Mann im Adagio Tempo und Ton trifft. Bei den Solokadenz-artigen Sechzehntelsextolen spielt Kit Armstrong mit Scheu vor praller Vollgriffigkeit fast zu trocken. Dennoch, das Adagio ist eine Offenbarung.

Das zarte Alter von 25 und die komplexe Begabung entschuldigen sowieso alle vermeintlichen Fehler.

Iván Fischer lässt das Konzerthausorchester unerhört frisch klingen. Sehr gut, Herr Fischer. Nur im Finale sind Dirigent und Solist hektischer als nötig.

Die C-Dur-Sinfonie fällt dagegen etwas, wenn auch nicht viel, ab.

Die beiden weiteren Programmpunkte repräsentieren Seitenpfade der Musikgeschichte zwar, doch sind beide Stücke hochmotiviert und höchst bedeutsam.

Klasse, einmal Mauricio Kagels politische Zehn Märsche, um den Sieg zu verfehlen zu hören, instrumentiert für Bläser und Schlagwerk. Klasse auch, Bernd Alois Zimmermanns surrealistische, textaffine Collage Musique pour les Soupers du Roi Ubu (Rezitation Max Hopp, der dabei wie ein Pfarrer klingt) zu hören.


Eine weitere Besprechung des Konzerts mit Iván Fischer und Kim Armstrong:

Spektakulös“ (hundert11 – Konzertgänger in Berlin)

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