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Tosca Baden-Baden Kristine Opolais

Vissi d’arte: Tosca Kristine Opolais philosophiert über den Zusammenhang von Leben und Kunst / Foto: arte.tv

Die Berliner Philharmoniker machen Oper. Wie jedes Jahr in Baden-Baden zur schönen Osterzeit.

Heuer ist es Tosca, Puccinis Diven-, Künstler- und Sadistendrama.

Man kann diskutieren, ob die Welt eine Tosca von den Berlinern braucht. Vermutlich brauchte die Welt 2013 auch keine Zauberflöte von den Berlinern. Aber gut. Chefdirigententräume sind womöglich dazu da, erfüllt zu werden. Zumal Rattle in dieser Saison mit konzertanten Opernaufführungen von Ligeti und Bartók auch schon sperrige Opernware in die heimischen Abokonzerte bugsierte.

Man kann sich allerdings auch fragen, warum der Erkenntnisertrag der Baden-Badener Operninszenierungen auch im fünften Jahr so mager ist. Philipp Himmelmanns Regie bringt wenig Neues, kultiviert Tosca-Mittelmaß und bietet Inszenierungsdurchschnitt allenthalben – aber Regie war im Baden-Badener Festspielhaus wohl auch nie mehr als eine nette Nebensache.

Zumindest die Berliner Philharmoniker wissen, was die Stunde geschlagen hat. Sie saugen eben nicht aus jeder Note so viel Verismoblut wie möglich, sondern zeigen, wie gut, wie reich Puccini da kurz vor 1900 komponierte. Das klingt neu, berückend, vielleicht auch, weil jeder Zuhörer insgeheim weiß, dass Tosca nicht für ein Konzertorchester mit diesen Möglichkeiten geschaffen wurde. Butterweich das Vorspiel zum dritten Akt, geschmeidig wie Blindschleichen schlängeln sich die Streicherstimmen in Mesnerszene und Liebesduetten.

Dass die alte Dame Tosca in jedem Stadttheater mehr Thrill, mehr Theaterschmiss hat, darf man unter jene Festspielwidersprüche verbuchen, die sich nur für jene ganz auflösen lassen, die diese Festspiele regelmäßig und gerne besuchen.

Die Sänger: Opolais im Trägerkleidchen, Álvarez mit dem Herz auf der Zunge

Bei Kristine Opolais, die ja mit ihrem weißhell lodernden Sopran keine klassische Tosca-Stimme mitbringt, gelingt der Spagat zwischen Eifersucht (Akt 1) und Seelenqual (Akt 2). Opolais hat den Punch für Toscas Herzschmerz. Freilich liegt beim Liebesduett in Akt 1 (höre „Lo dici male“) einiges im Argen. Die Höhe ist bleich („aure marine“), der Text wenig verständlich, der Vortrag angestrengt, Zwischenatmer sorgen für unterbrochene Melodiebögen. Die Klangbasis ist bisweilen gefährlich schmal, das Vibrato ein bissl groß, doch zumal in der Höhe steckt im Vibrato auch viel vorzügliches Tosca-Temperament.

Tosca Berliner Philharmoniker Kristine Opolais

Zweikampf im Palazzo Farnese: Da hat Scarpia noch die Oberhand – aber nicht mehr lange / Foto: arte.tv

So genieße ich jede Note von „Vissi d’arte“, dieser Arie am Rande des Nervenzusammenbruchs, aus der Opolais viel Seelenqual saugt. Ob das rote Etwas von Trägerkleidchen oder das verstaube Gestenrepertoire, das direkt aus der Klamottenkiste des Stummfilms zu stammen scheint, der Aufführung zuträglich sind, wissen nur die Götter vom Regieteam.

Marcelo Álvarez lässt sich optisch irgendwo zwischen Andrea Bocelli und dem pummeligen Diego Maradona einordnen. Der feurige Álvarez trägt das Herz auf der Zunge, bei der Lebensabschiedsarie „E lucevan le stelle“ ist das Weiße in seinen Augen durchaus zu sehen. Dabei sind Ton und Klang weniger maskulin-dramatisch befeuert, als vielmehr idealistisch-lyrisch durchwärmt. Allerdings könnte die Linie klarer sein, die Form bewusster gewahrt (Bei „La vita mi costasse, vi salverò!“ vergisst Álvarez das Singen und verfällt in Verismo-Sängerunarten), und Álvarez‘ kühne Portamenti dürften dem einen oder anderen Zuhörer die Sorgenfalten in die Stirn treiben. Dass auch in der vierten Vorstellung die Koordination von Tenor und Orchester in „E lucevan le stelle“ verbesserungswürdig ist, zeigt, wie fordernd das Singen auf der Bühne auch für Vollprofis ist – Opolais war da in „Vissi d’arte“ genauer.

Tosca Baden-Baden Kristine Opolais E avanti a lui tremava tutta Roma

E avanti a lui tremava tutta Roma: Kristine Opolais direkt nach dem Scarpia-Exitus / Foto: arte.tv

Weder ist Marco Vratogna vokal ein Musterbild an Finsterkeit, noch an deklamatorischer Prägnanz. Doch mit vorzüglichen kantablen Passagen und sprechender Mimik und Gestik lässt Vratogna den Baron Scarpia böse funkeln. Da schert es wenig, dass Regisseur Himmelmann den Baron als Lagerfeld-Zopfträger mit blauen Fingernägeln imaginiert und dass Vratogna im Vissi-d’arte-Akt wie ein 007-Bösewicht über eine diabolische Multimedia-Schaltzentrale verfügt.

Als dickbäuchiger Mesner ist Peter Rose mit bewährt situativer Komik zu hören.

Fazit: viel Orchester-Ehr‘, viel Sänger-Ehr‘, aber sonst wenig Einsicht mehr.

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