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Parsifal Wien Nina Stemme Kundry Christohper Ventris Akt 2

O weh, Parsifal im OP: Da ruft Kundry Nina Stemme höhere Mächte zu Hilfe / Foto: Michael Pöhn

Der Parsifal als echt wienerisches Anstaltsweihefestspiel. Das hat es noch nicht gegeben. Jetzt ist es an der Wiener Staatsoper zu erleben.

Nun hat also auch Wien seinen Alvis Hermanis.

Hermanis denkt sich Folgendes: Die Gralsburg ist eine Psycho-Anstalt, wie sie im Wiener Jugendstil-Architekturführer steht. Darin herrscht Gurnemanz als weißbekittelter Oberarzt. Klingsor ist auch Arzt, hat sein Zimmer gleich nebenan, wirkt aber als fieser Pathologe. Und, oh höchstes Wunder, der Gralskelch ist ein Hirn. Die Zeit: um 1900. Die Sezession lässt herzlich grüßen.

Die Kostüme (Kristine Jurjane) gar! Sie frönen einem wunderlichen Mumpitz. Parsifals goldene Talmi-Brünne, Kundrys goldenes Verführungskleidchen, die neckischen Walkürenhelmchen der Finalszene, so goldig-grottig glänzen selbst Trumps neue Vorhänge im Weißen Haus nicht.

Hermanis inszeniert den Parsifal als unterhaltsame Wienerwaldklinik. Dieser Sezessions-Parsifal tut gewitzt, aber sonst ist er nichts. Nichts gegen Wien, nichts gegen Kliniken. Aber eine derart dekorative und äußerlich motivierte Parsifal-Umtopfung hat es selten gegeben. Vermutlich schreibt manch einer in Wien dieser verstaubten Parsifal-Deutung hohe Innovationskraft zu. Warum allerdings die recht ordentliche Produktion von Christine Mielitz – letztes Jahr noch gesehen – dem weichen musste, bleibt ein offenes Geheimnis einer Publicity-fixierten Operndirektion.

Die Sänger: Papismus pur

Als Gott in Weiß gefällt Gurnemanz René Pape mit reicher, dynamisch flexibler Tongebung. Pape brilliert mit ausdrucksvollem Wagner-Parlando und aufmerksamer Phrasierung. Zahllos die meist lyrischen Klang- und Wortnuancen, mit denen Pape seinen Vortrag wie ein Meisterkoch würzt. Indes, ein dezenter Zug zur Ausstellung des freilich superben Stimmmaterials ist spürbar, so in den monumentalen Hauptakzenten („Wunderkräfte stärken“), so wenn „a“s in satt orgelnde „o“s umgebildet werden.

Parsifal Staatsoper Wien Nina Stemme Kundry

Güldene Klimt-Kundry auf der Freud-Couch / Foto: Michael Pöhn

Den per Patientinnen-Kuss welthellsichtig werdenden Parsifal singt Christopher Ventris mit verlässlichem, schlankem Heldentenor, ohne charakteristisches Timbre zwar, doch immer sauber und aufmerksam geführt. Schwächer in der Textausdeutung, ist Ventris stark an den tenoralen Glanzstellen.

Nina Stemme, die die hysterische Kundry unter ihre Sopranfittiche nimmt, hinterlässt im ersten Akt einen gemischten Eindruck. Ihr Deutsch ist etwas undeutlich, die Deklamation wenig prägnant. Aber kommt Zeit, kommt Akt 2. Und aufgepasst! In diesem wird Stemme vom Ober-(oder besser: Opern-)pathologen Klingsor vom Seziertisch mittels Elektroschock aufgeweckt.

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Anstaltsgottesdienst im Sezessionsdesign: Amfortas Gerald Finley ziert sich noch / Foto: Michael Pöhn

Man wird ihrer auch hier nicht gänzlich glücklich. Kein Zweifel, die Schwedin, die nicht wenigen als führende Hochdramatische dieser Tage gilt, stellt eine höchst achtbare Kundry mit herrlich vollem Ton auf die Bühne der Wiener Staatsoper. Doch Teilaspekte, für sich genommen kaum der Rede wert, fügen sich zu einem nicht ungetrübten Gesamteindruck: Da sind die gaumige Tiefe, die recht unbewegliche, weil eben große Stimme, die sich bei der Wortdeutung mitunter selbst im Wege steht, die mühevolle Attacke, die nur noch als Klang (und kaum als gesungenes Wort) gebildeten Spitzentöne, das brüchige Legato. Die Hauptkritik ist indes die fehlende psychologische Ausdeutung. Und Nina Stemmes Ton hat wenig mehr als eine Farbe: uni.

Das Dirigat: Artikulationskanten weichgestreamt

Der von Gerald Finley gesungene Amfortas ist bei Hermanis ein bedauernswertes Opfer von Klingsors bösen Schädelbohrungen. Stimmlich scheint ihm dies nicht zu schaden, bietet Finley doch eine überzeugend verinnerlichte Deutung von Wagners Schmerzensmann. Gerald Finleys weiches, rasches Vibrato, die gute Klangqualität, sein flexibler Stimmklang sind dem gute Gewähr. Doch könnte die Höhe mehr Baritonmetall vertragen. Die „Erbarmen“-Rufe hat man schon markerschütternder gehört.

Jongmin Park gefällt als moribunder Titurel mit vorbildlicher Deklamation und Verständlichkeit. Bad Boy (bzw. bad doc) Klingsor ist bei Jochen Schmeckenbecher in guten Händen. Besonders gefallen die markanten, kernigen Wortakzentuierungen.

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Parsifal Christopher Ventris kann sich vor echten Wiener Miedermädls gar nicht retten / Foto: Michael Pöhn

Die Gralsritter singen Benedikt Kobel und Clemens Unterreiner. Die Knappen verkörpern Ulrike Helzel, die vollstimmige Zoryana Kushpler, der hellstimmige Thomas Ebenstein und Bror Magnus Tødenes. Die Blumenmädchen finden in Ileana Tonca, Olga Bezsmertna, Margaret Plummer, Hila Fahima, Caroline Wenborne und Ilseyar Khayrullova ihre miedertragenden Meisterinnen. Die Stimmen der Wiener Mädls blenden sich weniger nahtlos als sonst zu einem Gesamtklang. Die Stimme von oben singt ausladend Monika Bohinec.

Semyon Bychkov muss bei der Premiere schon vor dem zweiten Akt Buhs hinnehmen. Dies scheint gerechtfertigt. Dem Vorspiel zum ersten Akt mangelt die Spannung wie selten. Konturlos wabern beide Verwandlungsmusiken vorbei. Motive sind in Klangwatte gehüllt. Bychkovs Schneckentempo ist das eine Problem. Das andere ist, dass Bychkov heuer kein dramatischer Dirigent ist. Die Folge: Zäh fließt die Wagnersuppe. Artikulationskanten werden weichgestreamt. Die Kurven der Leitmotive steigen wie Schemen aus dem Orchesternebel. Freilich bietet Bychkovs Dirigat unter der Hand ausreichend Gelegenheiten, um hochkultivierte Streicherextasen zu genießen. Doch derlei Interpretationsschmankerl blühen arg im Verborgenen.

Gehört über Ö1 (Aufzeichnung vom 30.3.2017) und per Livestream über staatsoper-live.com

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