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Frau ohne Schatten Staatoper Berlin Premiere Camilla Nylund

Die Frau ohne Schatten: Camilla Nylund singt die Kaiserin / Foto: Hans Jörg Michel / staatsoper-berlin.de

Die Frau ohne Schatten ist das sperrigste Opernkind aus der Künstlerehe Strauss-Hofmannsthal.

Was ist die Frau ohne Schatten nicht alles? Die Fruchtbarkeitsfestoper schlechthin. Saure Eheüberhöhungsoper. Hehres Paartherapieweihfestspiel.

Ja, die Frau ohne Schatten (Uraufführung 1919) ist von allegorischem Humbug überladen, die Handlung zäh wie kalter Honig.

Und doch liegt falsch, wer diese oft geschmähte, selten geliebte Opernzumutung nicht liebt. Vom Duo Strauss-Hofmannsthal selbst stets als Haupt- und Lieblingswerk angesehen, steht dieser Eheglücksmumpitz doch mit beiden Beinen fest in der europäischen Operntradition (Zauberflöte!) – und zuallererst auch in Strauss‘ eigener: in der „Frosch“ rumoren Rosenkavalier und Elektra, Alpensymphonie und Till Eulenspiegel.

Die Inszenierung von Claus Guth liest das Werk als Traumspiel.

Der Zuschauer sieht blendend schön anzusehende Räume (Christian Schmidt), die vage in die Entstehungszeit der Oper fallen. Zugleich ist die dezente Zeitlosigkeit von Handlung, Personen und Kostümen der geeignete Hintergrund, vor dem sich der Symbolismus der Inszenierung entfaltet. Das übergroße Fenster symbolisiert Freiheit. Schauspieler mit Tierköpfen bevölkern die Bühne: die Antilope mit weichgeschwungenem Gehörn, der den Kaiser begleitende Falke, der Hammel mit ehrfurchterregendem Geweih.

Die Kaiserin liegt fieberkrank darnieder. Dämonische Engel umschwirren sie, Steiff-Tier-süß bekopfte Antilopen repräsentieren die ungeborenen Kinder. Große Oper als Gruselzoo – und als angstvolle Fieberphantasie einer Ehefrau.

Frau ohne Schatten Staatoper Berlin Premiere Zubin Mehta Claus Guth

Kein Schatten, dafür reichlich Gruselgetier: Die Kaiserin auf dem Krankenbett / Foto: Hans Jörg Michel

Das funktioniert, das öffnet die Tiefenschichten von Strauss‘ Oper, ohne doch ihr Märchenhaftes zu diskreditieren. Guth spürt in klar-verrätselten Bildern dem Geheimnis der Frau ohne Schatten nach, ohne doch deren Komplexität zu negieren.

Die Sänger singen extrem Forderndes.

Camilla Nylund erlebt als depressive Kaiserin einen großen Abend. Mal antilopenköpfig, mal herb rezitierend, agiert sie berührend klug, warm im Ausdruck, mit aufblühender Höhe, das hohe D der ersten Arie schimmert. Es ist Nylunds Rollendebüt, und ein gelungenes. Burkhard Fritz gibt dem Kaiser – eine typische Tenorpartie des späteren Strauss, weil sauschwierig und undankbar – durch genaue Textdeutung menschliches Format, verzichtet klug auf stählernes Tenororgeln.

Das Ehepaar der menschlichen Sphäre verkörpern Wolfgang Koch und Iréne Theorin. Koch singt den Barak, den gutmütigen Dulder, mit eichenknorrigem Bariton und menschlich-männlichem Herzlichkeitston. Darüber hinaus ist Kochs Deklamation minutiös und singgerecht, wie man überhaupt sagen muss, dass sämtliche Sänger wohltuend wortverständlich agieren. An Kochs Seite stellt Iréne Theorin die gebärverhinderte Färberin anrührend und konsequent auf die Bühne, mit tragfähigem Sopran, der sich einem keinesfalls unstatthaftem Brünnhildenton ebenso hingeben kann, wie er glaubwürdig klingt beim Reue-Piano des dritten Akts.

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Claus Guth inszeniert Die Frau ohne Schatten an der Staatsoper Berlin als Traumspiel / Foto: Hans Jörg Michel / staatsoper-berlin.de

Beim Wiederhören des mächtigen Werks erinnert man sich, dass die Biederkeit des Barak störender wirken kann als die hochstehende Kaiserwelt, die Chöre der ungeborenen Kinder lastvoller auf die Geduld des Hörers einwirken können als die mit Blechadrenalin und Streicherecstasy vollgepumpten Kraft- und Saftstellen von Strauss‚ genialer Musik.

Michaela Schuster gibt blut- und gestenvoll eine angemessen boshafte Amme.

Evelin Novak singt den Hüter der Schwelle des Tempels, Narine Yeghiyan die Stimme des Falken, Roman Trekel den wunderbar autoritären Geisterboten, Anja Schlosser schön klangvoll die Stimme von oben. Die Brüder Baraks singen Karl-Michael Ebner (der Bucklige), Alfredo Daza (der Einäugige), Grigory Shkarupa (der Einarmige).

Guths Inszenierung ist keine Neuproduktion für Berlin. 2012 hatte die Inszenierung an der Scala Premiere, 2014 an Covent Garden. Die Staatsoper holt mit dieser Strauss-Produktion eine ähnlich faszinierende Regiearbeit nach Berlin wie schon anlässlich Claus Guths Don Giovanni geschehen, der von Salzburg nach Berlin kam. In London dirigierte Semyon Bychkov, in Berlin steht Zubin Mehta am Pult.

Mehta, seines Zeichens 80 Jahre, entlockt der Staatskapelle Berlin einen üppig strömenden Klang, kurvensüchtig schwelgerisch, cremigblühend, alpensymphonisch suggestiv, ausbalanciert zwischen Klarheit und Nuancenreichtum. Das gelingt Mehta so souverän, wie man das von einem altersweisen Feldherrn auf dem Feld der Klangschlachten nur erwarten kann. Und, nach dem gestrigen Parsifal, erneut ein großer Abend der Staatskapelle Berlin.

Bravo-Rufe für die Sänger, für das Orchester und Zubin Mehta. Freundlicher Applaus für den Regisseur Claus Guth.


Weitere Premierenkritiken zu Claus Guths Frau ohne Schatten im Berliner Schillertheater:

Wucht und Wonne auf der Psychocouch“ (rbb-online.de)

 

 

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