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Außer Rand und Band: kleine Gralsritterschlägerei im dritten Akt / Fotos: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

Außer Rand und Band: kleine Gralsritterschlägerei im dritten Akt / Fotos: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

Parsifal ist das Meta-Werk par excellence. Es hat so viele doppelte Böden, dass man vor lauter Böden schier die Noten nicht mehr hört.

Und Barenboim ist der Parsifal-Dirigent par excellence.

Und René Pape ist der Gurnemanz par excellence, spielfaul wie eh und je (selbst, dass er Kundry am Ende erdolcht, bekommt nur der mit, der es vorher schon weiß), doch in dieser Rolle ist Pape stellenweise unendlich bezwingend. Die von Pape in orgelnder Stimmpracht exponierten Vollhöhen sind zwar die auffälligsten Pluspunkte, vollauf überzeugend wirkt der Sachsenbass aber in den lyrisch strömenden Partien des Karfreitagszaubers. Für die deklamatorisch fordernden Stellen im ersten Akt wünschte man Pape mehr dramatische Prägnanz.

Parsifal Andreas Schager, der einen Großteil des ersten und zweiten Aktes mit Rucksack auf dem Rücken singt, kann sehr laut singen, aber er ist nicht am Besten, wenn er laut ist – dann ist er uninteressant. Das ist einer der Gründe, weshalb der zweite Akt nicht der beste heute Abend ist. (Man hört Schagers Mega-Dezibel-Tenor während der langen Generalpause des Vorspiels vor dem ersten Gralsmotiv beim Einsingen). Schagers Forte klingt immer gleich und es ist immer gleich laut. Das ist nicht gut. Mehr Farben, mehr Ausdruck wären gut. Für die Lyrismen des dritten Akts bringt Schager dann unerwarteterweise den passenden einfachen, überzeugenden Ton mit. Was hilft? Schager Zeit – ein paar Jahre – lassen, bis er auch die dramatischen Höhepunkte des zweiten Akts verinnerlichter kann.

Kundry Anna Larsson ist zusammen mit Parsifal die einzige Bühnenperson im Normalo-Look. Wie sie beginnt, wie sie da singt, gehört zum Besten, was einem in einem Parsifal passieren kann. Was für ein Gefühl für Architektur, für Phrasen, wie meisterhaft das gesungen ist. Freilich vermisse ich bei Larsson für die Partien wie „Grausamer“ das dramatische Feuer, die Prägnanz, das Extrovertierte, ja gut, das Bühnentierhafte. Aber der Beginn, das „Dich nannt‘ ich, tör’ger Reiner“ und „Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust“, das gerät doch sehr erinnernswert.

Titurel Matthias Hölle klingt für seine 65 fast noch taufrisch. Und der zappelige Klingsor (Tómas Tómasson) bekommt von Kostümdesignerin Elena Zaytseva einen zotteligen Wollpulli und eine Deppenbrille verpasst, vielleicht kommt’s daher, dass der wackere Tómasson mitunter stimmagiert wie Mime.

Auch wohlwollende Zuhörer werden den Amfortas von Lauri Vasar harmlos nennen. Das liegt am larmoyanten Vibrato und am generalisierten Ausdruck. Vasar ist ein erstklassiger Figaro, ein umwerfender Sharpless. Als Amfortas ist er eine Fehlbesetzung.

Uups: Parsifal Andreas Schager meuchelt Klingsor / Foto: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

Uups: Parsifal Andreas Schager meuchelt Klingsor / Foto: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

Was macht Daniel Barenboim an seinen Festtagen im tiefgelegten Graben? Er ist langsam, aber man kann sich einiges durchaus noch langsamer vorstellen. Zu Beginn des Vorspiels stimmt die Koordination nicht immer, aber die Temporückungen, die schon während der ersten zwei Takte üblich sind, sind schon so heikel, dass ich getrost ein Auge zudrücke. Macht nichts. Es ist ein großer Abend der Staatskapelle, auch von Barenboim.

Das können Barenboim und die Staatskapelle, die Schattierungen des Leisen, die bezwingende Gestaltung von Phrasierungen, die Wärme, das Sprechende in Streichern und Bläsern, das alles ist ein Labsal zu hören. Kann sein, dass Barenboims Parsifal das Beste in Berlin überhaupt ist. Oder in Europa. Oder überhaupt. Die Klingsorwelt klingt komplexer, dräuender und drängender, fast hört man Schönberg anklopfen, aber auch breiter, verwurschtelter, ja eckiger, etwa im Parsifalmotiv  (da ist der zweite Grund, weshalb der zweite Akt heute Abend nicht der beste ist).

Parsifal Staatsoper Berlin Barenboim Tcherniakov Akt 1 Gurnemanz

Parsifalistik, 1. Semester: René Pape und seine Schüler / Foto: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

Die Knappen singen Sónia Grané (erster), Natalia Skrycka (zweiter), Florian Hoffmann (dritter), Michael Porter (vierter). Schade, dass die vier nur rumstehen. Wie viele Details zeigten die kecken Knappen in Uwe Eric Laufenbergs kunterbuntem IS-Parsifal letztes Jahr in Bayreuth (der wiederum einiges vom Berliner geklaut hat, u. a. die gammelige Klosterathmosphäre).

Die Blumenmädchen singen Katerina Tretyakova (erstes), Adriane Queiroz (zweites),  Anja Schlosser (drittes), Sónia Grané (viertes), Narine Yeghiyan (fünftes), Natalia Skrycka (sechstes). Die Stimme aus der Höhe ist abermals Natalia Skrycka. Die Gralsritter singen Michael Smallwood und Dominic Barberi.

Was macht Regisseur Dimitri Tscherniakow? Der erste Akt wirkt übel statisch, trotz hübschem Tempeloktogon. Der zweite bezaubert durch weite Helle und fiese Blümchenkleidchen, die direkt aus einem Kindersex-Bullerbü kommen. Der dritte fesselt durch die Intensität der Schilderung von Personen und Handlung.

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