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Tannhäuser Staatsoper Berlin Marina Prudenskaya

Im Auge der erotischen Sturms: Venus Marina Prudenskaya lüpft einen Gewandzipfel / Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

Sasha Waltz‘ Tannhäuser an der Staatsoper Berlin hat Schwächen und Stärken.

Aber mehr Schwächen als Stärken.

Denn Tanztheater allein macht noch keine Inszenierung, und sei dieses noch so modern. Spätestens, als ich in der zweiten Szene die tanzenden Männchen zwischen Landgraf, Wolfram und Walther herumhopsen sehe, möchte ich mit dem Baron Ochs (Rosenkavalier, 3. Akt) fragen: „Halt, was woll’n die Maikäfer da?“

Besserung bietet der dritte Akt. Weil die Bühne schön leer ist und Sashas Tanzmariechen Pause machen.

Ein Anfängerfehler, Frau Waltz: Das Bühnenbild des ersten Akts hat mit dem des zweiten nichts zu tun und das des zweiten nichts mit dem des dritten. Das Bühnenbild im ersten Akt: ein Augeninneres als zeigefreudiges Liebesnest. Das Bühnenbild im zweiten Akt: eine Bambusgardine. Ein typischer Choreographinnenfehler, Frau Waltz: Je heftiger die Tänzer hopsen, desto bleierner wurzeln die Chöre im Bühnenboden.

Burkhard Fritz ist indisponiert. Ich fürchte schon das Schlimmste für die Romerzählung, doch die liegt Fritz besser als der theatralische Schwung der Venusgrotte, wo Tannhäuser nicht nur blass klingt, sondern zudem in einem dämlichen Zen-Pyjama steckt. Ja, Fritz‘ Tenor ist oben eng, klingt sonst aber angenehm und wird überaus genau geführt. Ganz anders Marina Prudenskaya, die die Venus mit voller Verve und einer Kehle voller gegurgelter Vokale gibt, die vermuten lassen, dass Prudenskaya für Tannhäuser nicht nur harmlose Streicheleinheiten in petto hat.

Groß heraus kommt die Elisabeth bei Anne Schwanewilms. Anne Schwanewilms‘ Stimme hat den Empfindungston und das Leidenstimbre für die tugendhafte Thüringerin. Elisabeth ist die langweiligste Frauenfigur Wagners? Von wegen. Jeder Satz sitzt, wenn Schwanewilms die entsagungssüchtigen Wagnerverse aus dem Lento-Gebet „Allmächt’ge Jungfrau, hör‘ mein Flehen“ singt, jedes Wort schwebt. Freilich, bei bewegter Musik („Dich teure Halle“) scheint die Dynamik heuer nicht stufenlos regelbar, der Fließfähigkeit des Soprans gehemmt, bei Tönen über dem System die Attacke unsicher. Dennoch sehr gut.

Außerordentlich schlagen sich auch der Wagner-Haudegen Wolfgang Koch als vokal aufregender Wolfram und René Pape als knorrig röhrender Landgraf. Hörenswert der junge Jun-Sang Han als Walther („Den Bronnen, den uns Wolfram nannte“) mit vibrierendem, klangschönem Tenor. Nett die leichte Tendenz zum Türken-„ch“ („Lass disch lehren“). Als Biterolf etabliert sich Grigory Shkarupa („Heraus zum Kampfe mit uns allen!“) als energischer Tugendbold. Miloš Bulajić singt Heinrich den Schreiber, Jan Martiník den Reinmar, Sónia Grané den süßen Hirten. Wolfgang Kochs „Oh du, mein holder Abendstern“ ist deshalb so schön, weil es auf eine Art knorrig und ungelenk gesungen wird, die aufrichtig und wahrhaftig ist.

Am Pult bleibt sich Simone Young, die Bejubelte, treu. Sie produziert geschmeidige Linien, strafft ersten und zweiten Aktschluss, lyrisiert Streicherstimmengefüge. Aber dies ist kein Tannhäuser, der verführt. Nur einer, der gefällt. Es ist ein Tannhäuser ohne Transzendenz, ohne ernst zu machen mit Erlösungswut und Todessehnen. Nicht mehr und nicht weniger. Barenboim kann (viel) mehr. Die Pilgerchöre hätten mehr Proben vertragen. Die Chorensembles im zweiten Akt besitzen aber Zug und Drang.


Kritik der Premiere von Tannhäuser an der Staatsoper 2014:

Fleisch gegen Geist“ (tagesspiegel.de)

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