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Michael Rotschopf, Annett Fritsch, Meike Droste Staatsoper Berlin Henry Purcell

Annäherungsversuch: Michael Rotschopf, Annett Fritsch, Meike Droste / Foto: Ruth Walz

Die Staatsoper Berlin premiert einen kreuzfidelen King Arthur.

Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch inszenieren Henry Purcell.

Ich sehe die fünfaktige Semi-Oper nach einem Libretto von John Dryden zum ersten Mal: Uraufführung 1691, 100 Jahre vor Mozarts Tod. Es gibt einiges zu lernen: Die zentralen Charaktere singen (meist) nicht, sie schauspielern. Das machen sie gut. Allen voran Meike Droste als tapfere Emmeline und Michael Rotschopf als mit zurückhaltend royaler Männlichkeit ausgestatteter King Arthur. Dafür dürfen die Chöre zulangen (auch wenn sie meistens nur nachsingen, was das Solo vorsingt): bei der echt germanischen Menschenopferszene (Akt 1) oder beim britischen Siegesjubel „Come if you dare“ (Akt 2).

Henry Purcell King Arthur Sven-Eric Bechtolf Julian Crouch

„Death despising“: So sahen echte Germanen im 6. Jahrhundert aus / Foto: Ruth Walz

Die Grundkonstellation ist rasch erklärt. Die Sachsen haben sich in England breitgemacht. Sachsenkönig Oswald – nicht zu verwechseln mit seinem Stammesbruder Osmond, was mir öfters passierte -, also Oswald verliebt sich in die rotgelockte, blinde Vorzeige-Britin Emmeline (wie gesagt die vorzügliche Meike Droste). Dumm nur, dass diese Arthur liebt, den König der christlichen Briten. Und Arthur liebt sie. Wer dächte, nun entfalte sich ein ehrwürdiges Historiendrama in fünf Akten, der liegt nur teilweise richtig.

Ein hart umkämpfter Nebenschauplatz tut sich auf, wenn sich Merlin, der König Arthur mit Weisenrat und Zaubertat zu Seite steht, und der bösartige Heide Grimbald bis aufs Zaubererblut bekämpfen. Zusätzlich bevölkern verführerische Nymphen, Amor und Venus höchstpersönlich sowie gefährliche Nereiden und Geister unterschiedlichster Stufen und Arten die Opernbühne. Es verwundert nach all dem nicht, dass der dramatische Spannungsverlauf von King Arthur, der sich hierin als echt blutvoll-barockig erweist, voll der unerwartetsten Wendungen ist.

Emotional ist jedenfalls Emmelines Augenheilungsszene das Herz- und Schmerzstück (Akt 4) – hier ist John Drydens Sprache dann doch sehr schön.

Premiere King Arthur Berlin

Merlin Hans-Michael Rehberg vor Kriegsruinen und unter Philidel Annett Fritsch / Foto: Ruth Walz

So weit, so lustigkompliziert. Damit sind Bechtolf und Crouch aber noch nicht fertig mit Purcell. Bechtolf und Crouch führen einen zweiten King Arthur ein – einen World-War-II-Spitfire-Piloten. Sein Heim: traditionsbewusste britische Upperclass reinster Couleur. Und Arthurs Sohn bekommt vom halb senilen Rollstuhl-Opi eine Nachhilfestunde in britischer Heldengeschichte. Als die zu Ende ist, ist auch Purcells King Arthur zu Ende und mit ihm der Piloten-Arthur, der sich zum Sterben auf den heimischen Esstisch niederlässt, tödlich verwundet im Luftkampf gegen Deutschland.

Wem das zu heftig klingt, kann beruhigt sein. Der Plot ist easy verständlich, Szene auf Szene reihen sich wie an einer Perlenschnur. Helfen tun obendrein die außerordentlichen Bühnenbilder (von Julian Crouch – das ist beim Schlussapplaus der ergraute Vollbärtige, der aussieht wie ein wettergegerbter britischer Kapitän), die ebenso üppige Barockoper-Effekte auf die Bühne des Schillertheaters zaubern (beispielsweise die echt witzigen Meeresszenen) wie Weltkriegs-Veduten zerstörter deutscher Städte ernst-berührend vorführen.

Dazu pointieren monty-pythoneske Ritter die eigentlich frühmittelalterliche Handlung und machen aus dem sächsisch-britischen Kultur-Clash einen vielschichtig-vertrackten Prozess, der nicht nur mit den Gehirn-, sondern ebenso oft mit den Lachmuskeln nachvollziehbar ist. In dem bekommt der notorische Freiheitswille der Insulaner ebenso ihren Platz wie die Glory des British Empire ihr Fett weg.

Henry Purcell King Arthur

Action vor Barock-Vedute: King Arthur in tiefsinniger Beratung / Foto: Ruth Walz

Unter den Gesangssolisten ist die klarstimmige und darstellerisch flinke Anett Fritsch (Cupido, Venus, Philidel) besonders hörenswert. Die temperamentvolle Robin Johannsen singt mit dem tonschönen Altus Benno Schachtner das Liebes-Duett „Let us love“. Desweiteren singen der Staatsopern-erfahrene Bass Arttu Kataja, Tenor Mark Milhofer (Herald) und Ensemblemitglied Stephan Rügamer, der als Schäfer das Lob pastoraler Einfachheit singt („How blest are shepherds“). Johannes Weisser überzeugt als grimmiger Cold Genius mit der zu Recht berühmten Bibber-Arie „What power art thou, who from below“.

René Jacobs zündet im hochgelegenen Graben die Gedankenblitze Purcells mit flotter Hand und lebendigem Atem. Ganz asketisch geht Jacobs mit der Akademie für Alte Musik Berlin nicht vor: Er verzichtet etwa darauf, die Streicherstimmen nur mit jeweils einem Instrument zu besetzen, was dann sowohl Farbe als auch Tiefe des oft kristallklaren Klangs zugute kommt.

Dass Henry Purcells King Arthur – „one of the glories of English music theatre“, wie der Guardian sagt – mit Hilfe des Regieteams und den Musikern krispe Songs, wunderbar wortnahe Vokalgesten und bildhaft üppiges Nationaltheater in einem echt barocken Gesamtkunstwerk zusammenfügt, ist das Erlebnis des Abends. Da schadet es auch nichts, dass im Schillertheater einmal die Musik (fast) dem Wort den Vorrang lassen muss.

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