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Annette Dasch

Einmal knicksen bitte! Herzogstochter Annette Dasch

Hier die Kritik zum Lohengrin 2017 mit Klaus-Florian Vogt und Manuela Uhl lesen!

Am 3. Advent in den Lohengrin gehen? Passt!

Das Thema ist religiös, der Chor singt schön, die halbe Oper spielt vorm Münster. Die Oper tendiert zum Übernatürlichen.

Also ab in die Deutsche Oper Berlin.

Der Berliner Lohengrin von Regisseur Kaspar Holten musste anlässlich seiner Premiere 2012 harte Prügel einstecken. Dabei ist Holtens Inszenierung alles andere als übel. Holtens führerlose Grenzkrieggesellschaft (eine Art Donbass an der Schelde) hat im Lauf der letzten vier Jahre etwas Federn gelassen, was die konzeptionelle Schärfe angeht. Aber der Rahmen steht noch. Das schimmernde Vorspiel deutet Holten schlüssig als Totenklage, das strahlend weiße Hochzeitsbett wird flugs zum Marmorsarkophag von Elsas Liebe, und zu allem Übel hinterlässt Lohengrin in Brabant jede Menge verbrannte Erde – unter anderem Gottfried als blutiges Leichenbündel. Lässt man weniger Kohärentes weg – warum zum Henker stehen die giftgrünen LED-Spaghetti für Ortruds Heidentum? – so ist das eine Wagnerdeutung, die genügend Grip hat, um Hirn und Herz vier Stunden lang zu beschäftigen.

Sängerisch ist dies eine große Aufführung.

Peter Seiffert singt den romantischen Ritter im 62. Lebensjahr bewundernswert sorgfältig. Die heldische Force ist da, ebenso das lyrische Singen. Seifferts Höhe ist metallisch schlank wie eh un je, die substanzielle Mittellage gestattet differenzierten Heroismus in der Brautgemahlszene. Ausgerechnet die Gralserzählung („In fernem Land“) fällt leicht ab, das Legato ist eben nicht mehr lückenlos. Und man merkt hier deutlicher als sonst, dass die Klangfarbe der Stimme unpersönlicher ist als bei Klaus Florian Vogt oder Jonas Kaufmann. Last not least erfüllt der ernst aufragende Seiffert als Bühnengestalt trotz Wohlstandsbäuchlein die Ansprüche, die man als Zuschauer an den Lohengrin stellt.

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Beim Applaus unbeflügelt: Schwanenritter Peter Seiffert

Als Elsa ist Annette Dasch zu hören. Ich äußerte mich wiederholt reserviert gegenüber ihrer Elsa. Doch heute überzeugt sie mich. Daschs obertonreiches Timbre ist sehr charakteristisch, ihr Sopranklang dabei nicht ganz frei und die Höhe ihres Soprans benötigt Zeit sich zu entfalten, doch Dasch drückt ihrer Elsa-Interpretation den unverwechselbaren Klangstempel auf, auch wenn Daschs Start in den Abend aufgrund rutschiger Intonation alles andere als perfekt ist. Ich kann es kaum glauben, aber es ist ihr Debüt an der Deutschen Oper, sieht man von einem Auftritt als Fünfzehnjährige ab. Dasch spielt großartig, hat Feuer, reißt die Augen auf, leidet prächtig.

Das dunkle Paar Ortrud-Telramund wird von Elisabete Matos und Wolfgang Koch verkörpert. Elisabete Matos steuert für die zauberkundige Friesin ein große Stimme voller Energie und hart schimmernder Farben bei und sieht unter ihrer ehrfurchtgebietenden Perücke einfach bezaubernd aus, ihr Deutsch ist sehr gut, auch wenn die Höhe nicht mehr voll textverständlich tönt, und Matos‘ deklamatorischer Eifer ist der Rolle voll angemessen. Schrille Mezzoschärfen, die es durchaus gibt, gehen als rollenadäquat durch. Der Bassbariton von Wolfgang Koch, dem vielleicht besten Sachs unseres Jahrzehnts, fehlt der sinistre Unheilston, um einen wirklich packenden Friedrich auf die Bühne zu stellen. Einiges wäre besser rausgekommen, wenn Kober im Graben mehr aufs Tempo gedrückt hätte, man höre etwa „Zum Sterben kam der Herzog von Brabant“, wo Koch kantable und deklamatorische Momente nicht recht in eins bringt, was obendrein Kochs Anschleifen von Tönen hörbarer macht als dies ohnehin schon der Fall ist. Und dennoch ist Wolfgang Kochs detailreich gespielter Telramund ein „betrogener Betrüger“ (Carl Dahlhaus) von einigem Format.

Elisabete Matos

Friesisch, rothaarig, zauberkundig: Elisabete Matos

Vom Kriegerkastenkonzept Holstens geben noch am besten der drohend lederbehandschuhte König Heinrich (Günther Groissböck, der für Albrecht Pesendorfer einspringt) und sein kopfverwundeter, gefährlich umherschleichender Heerrufer Markus Brück Kunde. Sängerisch sind beide tadellos. Groissböcks sonores Orgeln ist das Phänomen das Abends, lohnt allein das Kommen, wenn auch der strömende Schönheitsschmelz seines Vortrags dessen (des Vortrags) deklamatorisches Profil ungebührlich in den Hintergrund rückt. Und Brücks Heerrufe fetzen metallisch markant über die Bühne.

Die brabantischen Edlen, zwielichtige Gestalten mit Stasi-Tendenzen, singen Stephen Barchi, Paul Kaufmann, John CarpenterAndrew Dickinson.

Axel Kober, einer der Bayreuth-Routiniers unserer Tage, leitet fehlerlos. Der Zugriff stimmt, Kober kennt die Partitur. Es ist kein ganz großer Abend, aber ein guter, mit einem sehr gut disponiertem Orchester, mit einem Kober, der Lust und Laune auf einen ordentlichen Wagner am Advent hat.

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