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Wichtige Weihnachtsmänner empfehlen: Zu den Thielemann-Wochen in Berlin gehen.

Dann gelingt auch die Weihnachtsgans.

Diese Woche mit Gidon Kremer und dem Rundfunkchor, nächste Woche mit Bruckner 7. und Buchbinder.

Der Lette Gidon Kremer spielt In tempus praesens von Sofia Gubaidulina. Das Violinkonzert („In der Gegenwart“), Gubaidulinas zweites, ist von überragender Qualität. Ich wünschte, Jörg Widmann kniffe seine A…..backen zusammen und brächte mal so was raus.

Da ist auch schon Gidon Kremer: der schüttere Bart, die vorstehende Unterlippe, das weiche Auge. Kremer trug einst Rollkragenpulli und wechselte vor einiger Zeit zum Kittel. Heute zeigt der Kittel Zierapplikationen beidseits der Knopfleiste. Kremers Ton ist frei von schlechter Subjektivität, dem Klang vertraut er fast kindlich. Die G-Saite klingt baritonal direkt, die E-Saite in hoher Lage extrascharf und hyperkonsistent. Kremer insistiert auf der Bedeutung des Werks. Das macht seine Klasse aus: Es geht um die Objektivität des Werks. Und doch ist er stets in aller Bescheidenheit auf der Suche nach der Empfindung des Augenblicks. Das ist große Kunst. Bei Sikorski ist die Partitur als PDF einsehbar (siehe „Ansichtspartitur“).

Christian Thielemann hält das Orchester in herrlicher Balance. Nur die tiefen Streicher werden von Gubaidulina hier eingesetzt. Schleier der Bratschen und Celli (Celli links, Bratschen rechts) klingen wie Wind aus Wozzeck („Ich spür’s schon, ’s ist so was Geschwindes draußen“). Weiter fallen die großartigen Ostinati auf und die drei Wagnertuben, deren Koordination Thielemann sichtbar Spaß bereitet.

In der Zugabe zeigt Kremer das Piano als Demutsgeste vor der Musik.

Das Husten ist heute akzeptabel, oder, Herr Konzertgänger?

Christian Thielemann Berliner Philharmoniker

Die Geste des Imperators: Christian Thielemann / Foto: facebook.com/BerlinPhil/

In Bruckners f-moll-Messe nach der Pause singen Anne Schwanewilms (mit sorgfältig balancierender Höhe), Wiebke Lehmkuhl (Bayreuths aufregende Grimgerde und Flosshilde), Michael Schade (mit gut dosiertem Tenor) und Franz-Josef Selig (mit des Bassgewalts edler Blässe). Stellt Bruckners Messe frappierende Musik dar? Nein. Ich höre eine Etüde in vergilbtem k.-u.-k.-Katholizismus. In Liszts Messen ist die Transzendenz schlichtweg ehrlicher. Wer sich so sehr langweilte, wie ich es tat, der erfreute sich hoffentlich – so wie ich – an den philharmonischen Streichern (man beachte das geile Croonen der Celli) sowie an der von tiefem Instinkt für ein makelloses Chortimbre geprägten Interpretation des Rundfunkchors Berlin, der von Gijs Leenaars vorbereitet wurde.

Puhh, was der Abend kostet. Erst Kremer, dann die vier Gesangssolisten plus der Rundfunkchor. Und Thielemann macht’s auch nicht für lau. Das Programmheft finde ich heute weniger inspirierend (Karl Böhmer).

Der Applaus gilt besonders dem Rundfunkchor Berlin.

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