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Anna Nechaeva Manon Lescaut Berlin

Anna Nechaeva vor Autoschrott: Sola, perduta, abbandonata / Foto: Clärchen und Matthias Baus

Manon Lescaut, das ist die Geschichte von Schönheit und Tod, Illusion und Jugend, Sehnsucht und Elend. Der Schluss gehört zu den trostlosesten der Opernliteratur.

Es ist die Geschichte eines Menschenschicksals: vom klostergeweihten Teenager zur todgeweihten Frau. Und immer will sie händeringend das Glück festhalten, aber sie schafft’s nüscht. Die Eltern verstoßen sie. Der Bruder lotst sie ins Boudoir eines Lustmolchs. Die Justiz deportiert sie.

Puccini und seine Texter kürzen die Vorlage des Abbé Prévost rabiat und unbarmherzig. Doch so entsteht jene Oper von gnadenloser theatralischer Schlagkraft, die fortan das Markenzeichen Puccinis sein sollte. Die Brüche sind bei Puccinis erstem großen Opernerfolg nach allenthalben spürbar. Doch der Weg frei für die hemmungslose Aufrichtigkeit der Melodien.

Jürgen Flimm inszeniert

Jürgen Flimm bringt seine St.Petersburger Produktion von der Newa an die Spree. Flimm tauscht Rokoko gegen Hollywood, rupft dem Personal den Rokokowams vom Leib und steckt es in Trenchcoats und Karohosen (Es ist an der Zeit, Trenchcoats auf der Opernbühne zu verbieten. Kostüme Ursula Kudrna). Ruckelvideos zeigen stolze Ozeanriesen und hohlwangige Loser: Amerika, du altes Land der Verheißung und des Scheiterns. Das funktioniert. Das kann man ansehen. Das ist gut gemacht. Einigermaßen gut.

Es scheint einen Altersstil  bei Flimm zu geben. Er ist dramaturgisch betulich und handwerklich versiert. Und Flimm hegt eine Vorliebe dafür, schwierige Sachverhalte in kreuzbrave Regieideen zu packen („Der Opa erzählt euch jetzt mal was!“).

Daraus ergibt sich eine Problemlage.

Jürgen Flimms Inszenierung verkauft Puccini unter Wert. Statt dringlicher Personenführung sieht man liebevoll ausgepinselte Tableaus, statt dramaturgischer Stringenz historische Weichzeichnung. Aber, wie gesagt, man kann’s anschauen.

Es singen: Anna Nechaeva und Riccardo Massi

Die junge Russin Anna Nechaeva singt die Titelheldin Manon Lescaut selbstbewusst und leidenschaftlich. Nechaeva zeichnet die Manon weder als schüchterne Klosteraspirantin wider Willen noch als Klunker-geile Luxusschlampe. Ihre Manon ist ein Mensch, dem die Sehnsucht nach Glück im Leibe steckt und der so jung ist, dass er nie gelernt hat, wie man Glück eigentlich festhält. Auch sängerisch entfacht Anna Nechaeva einiges an Feuer. Sie verfügt über ein charakteristisches Timbre (dem Metall die nötige Würze verleiht), die Höhe hat Kraft, Schärfe und Fähigkeit zur Expansion, und auch die Tiefe klingt jederzeit klar. Und im vierten Akt hat die Russin die Energie, Manon zur tragischen Heroine zu machen.

Mit Renato Des Grieux meint es das Schicksal kaum besser. Die Regie auch nicht. Riccardo Massis voluminöse Karohose erstickt jeden Gedanken an original italienischen Sexappeal. Linkisch-schüchtern lungert Des Grieux am Filmset herum. Aber per fortuna bleibt ja noch ein dicker Pluspunkt: Massis klangschöne lyrische Tenorstimme. Massi ist kein Testosterontenor, singt lyrisch variabel. Seine kurzen Tenorarien leuchten eher verhalten: Das kokette „Tra voi belle“ geht Massi fast tastend an, das schönheitstrunkene „Donna non vidi mai“ leidet an Vokalverfärbungen („Non ve??di mai“, „mi vagan nello spe???rto“)

Die Attacke ist zögernd (Massi tastet sich an Töne heran, und das nicht nur bei hohen Tönen), die Linie erweist sich als unstet (was besonders im Duett des ersten Aktes am langsamen Tempo Tatarnikows liegen kann), die Register sind eher unausgeglichen. Hat man das erst mal intus, überzeugen der sinnliche Klang, die emotionale Kraft seines Singens, das Bemühen um dynamische Stufungen, der kunstvolle Einsatz der Mezzavoce. Die leidenschaftlichen Duette mit Nechaeva sind großes (Gefühls-)Kino, auch wenn Riccado Massi darstellerisch nicht gerade in der Champions League spielt.

Dass Lescaut ein gottverdammter Moral-Hallodri ist, merkt irgendwann jeder Zuschauer. Beim herb singenden Roman Trekel ist dieser Hallodri in gar nicht so schlechten Händen. Eindringlich gelingt Trekels „Sei splendida e lucente“ im zweiten Akt, andernorts liegen Trekel Puccinis kantable Rezitative indes nicht immer so gut in der Kehle.

Dem lüsternen Geronte verleiht Franz Hawlata etwas schütteres vokales Profil. Leider fällt Flimm nicht viel zu Geronte ein. So bleibt Hawlata nur übrig, den tatterigen Lustmolch zu mimen. Als Edmondo singt Stephan Rügamer das herrliche „Giovinezza è il vostro nome/la speranza è nostra iddia“ mit schlanker Tenorgrazie.

Auch die kleineren Rollen werden adäquat besetzt. Natalia Skrycka ist die sehr, also äußerst wohlklingende Tänzerin, die im Bunny-Kostüm „Sulla vetta tu del monte“ singt. Der effektvoll näselnde Miloš Bulajić verkörpert Ballettmeister sowie Lampenanzünder. Der dienstfertige Wirt findet in Dominic Barberi seinen Meister. Vincenzo Neri singt den Sergeant, der formidable David Oštrek den Kapitän (warum zum Teufel lässt Flimm ihn durchs Sprechrohr singen?).

Es dirigiert…

Es dirigiert Mikhail Tatarnikow. Er wird im Laufe des Abends besser. Zu Beginn deutet sich die orchestral unbedeutendste Staatsopernpremiere seit langem – seien wir ehrlich, seit sehr langem – an. Das Orchester klingt matt, verwaschen, das Fortissimo tönt über Gebühr extrovertiert. Den fabelhaften Amiens-Akt (den 1.) nimmt Tatarnikow doch wohl zu langsam. Das Orchester deckt die Sänger zu: Ein Edmondo wird nun einmal selten von einem Pavarotti gesungen, sollte aber dennoch Wort für Wort verständlich sein. Schön gelingen Tatarnikow die lyrischen Stellen. Der zum Ende so realistischen, doch immer schönheitsberauschten Partitur wird Tatarnikow also nur teilweise gerecht. Tatarnikows Zugriff ist sentimental, nicht analytisch. Das ist in Ordnung. Aber Puccinis Partituren sind viel zu gut gebaut, um sie nur sentimental zu vernaschen. Macht er ja auch nicht. Aber die Tendenz zum Vernaschen ist bei Tatarnikow da. Und der Chor klingt bei der dritten Vorstellung sicherlich sicherer.

Der Applaus ist doch sehr kurz. Es gibt keinen Vorhang für die Sänger. Hallo, Publikum??!! Aus dem ersten Rang buhen zaghaft die Flimm-Verächter.

Fazit: Jürgen Flimms Puccini-Regie haut niemanden vom Hocker. Die Sänger treffen allesamt den Nerv.

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