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Petrenko und Kupfer bringen in München Lady Macbeth von Mzensk heraus.

Öffnet das grellrohe Meisterwerk des 20. Jahrhunderts ein Panoptikum menschlicher Niederträchtigkeiten? Was das Wesen dieser Oper ist, getraut man sich nicht zu bestimmen. Hat Schostakowitsch hier mit zynischem Komponistenhändchen eine Gogol’sche Farce komponiert? Eine sarkastische Gesellschaftskritik? Einen Horrortrip ins Innere der Nacht?

Premiere.

Ich höre Livestream auf BR-Klassik.

Harry Kupfer lokalisiert Schostakowitschs ultimativen Opernthriller in einer postsowjetischen Fabrik-Tristesse, in dem die Protagonisten inmitten eines Gewirrs aus Rampen und Durchblicken agieren (Bühnenbild Hans Schavernoch). Das Schlussbild zeigt einen erbarmungslosen (oder vielleicht doch erlösenden?) Gegenlichthimmel. Kupfer sorgt für eine schlüssige Interpretation, belebt durch kraftvolle Ensembleszenen und eine packende Personenzeichnung.

In dem von Kupfer gesteckten Rahmen entfalten sich die Sänger vorbildlich.

Anja Kampe Lady Macbeth von Mzensk München

Katerina Ismailowa alias Anja Kampe im rosa Kleidchen / Foto: facebook.com/baystaatsoper

Als leidenschaftliche und kinderlose Titelheldin versauert Katerina Ismailowa (Anja Kampe) in der Provinz, bis sie ihrem dämonischen Schwiegervater Rattengift unter die Pilze mischt. Das ist Katerinas Befreiungsschlag. Wenn man Kampe singen hört, hört man Schostakowitschs „Lady“ auch als Hymne auf die Liebe. Dazu besitzt Kampes tragfähiger Sopran die wärmenden Bögen des Gefühls und den Schmerz der Erniedrigung. Im letzten Akt, als die arme Katerina durch Sühne und Selbsttod alle Schuld von sich nimmt, wandelt sich Schostakowitschs Satansstück in eine herzzerreißende Tragödie. Anzumerken, nicht anzukreiden bleibt die Beobachtung, dass in der Finalszene Kampes Piano unstet und bei Spitzentönen die beanspruchte Höhe vernehmlich wird.

Das ukrainische Bass-Urgestein Anatoli Kotscherga verkörpert Boris, diese düstere Menschengestalt, das monströse Urbild aller repressiven Schwiegerväter. Aus allen Poren trieft bei Kotscherga Misogynie. Als proletarischer Hallodri und Brutalo-Liebhaber setzt Sergei Misha Didyk seinen großmäuligen Tenor treffsicher sein.

Boris‘ Sohn und Katerina-Ehemann Sinowij wird von Sergey Skorokhodov so lyrisch, strahlend und jugendlich gesungen, dass es eine Schande ist, dass Katerina qua Libretto nicht mit ihm glücklich werden kann. Die Münchner Neu-Produktion ist auch in den kleinen Rollen adäquat besetzt. Heike Grötzinger singt die übel malträtierte Köchin Aksinja. Den blasierten Popen singt Goran Jurić, Alexander Tsymbalyuk gibt den eitelautoritären Polizeichef mit ausdrucksstarker Gurgel sowie den alten Zwangsarbeiter im vierten Akt mit großem Herzen, Kevin Conners singt den großartigen Schäbigen. Die kleine, aber wichtige Rolle der frechbösen Sonjetka ist beim charakteristischen, dunkelgrundierten Mezzo von Anna Lapkovskaja bestens aufgehoben.

schostakowitsch-lady-macbeth-von-mzensk

Schlussapplaus / Foto: facebook.com/baystaatsoper

Kirill Petrenko entfaltet mit dem Bayerischen Staatsorchester einen unwiderstehlichen Sog aus Genauigkeit und Energie, der jedoch des sinnlichen Glanzes nicht entbehrt. Formidabel das aggressive Blech, die lauernden Blech-Glissandi, das mitleidlose Holz, mitreißend die krasse Plastizität kubistischer Marschcharaktere, die heißlaufenden Sarkasmus-Crescendi, ergreifend die herzzerreißenden Lyrismen der Katerina.

Ovationen für die Sängersolisten der Premiere und Kirill Petrenko. Jubel auch für Regie-Altmeister Harry Kupfer in der Bayerischen Staatsoper München.


Weitere Kritiken der Premiere „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Münchner Staatsoper:

Packendes Seelendrama um eine Mörderin“ (br-klassik.de)

Schostakowitschs Schocker“ (nzz.ch)

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