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Anna Netrebko Manon Lescaut Met Opera 2016

Anna Netrebko singt Manon Lescaut / Foto: facebook.com/MetOpera/

Zwei Gründe sprechen für die New Yorker Manon Lescaut.

Ein Grund spricht dagegen: die Inszenierung.

Die Inszenierung von Richard Eyre festigt den Ruf der Met als eines der trübsten Opernhäuser – was die Regie angeht. Richard Eyres inszenatorische Belanglosigkeit führt uns in’s Vichy-Frankreich, dezent garniert mit Nazi-Mayonnaise. New York – que me veux-tu?

Für diese Manon Lescaut sprechen die Sänger und die ewig prickelnde Frische von Puccinis Dramma lirico.

Ich höre Livestream.

Marcelo Álvarez singt einen angenehm lyrischen Des Grieux mit schlanker, hell timbrierter Tenorstimme. Aber erst einmal gibt’s Ernüchterung: Sinnlichkeit und Verve des Vortrags lassen im ersten Akt zu wünschen übrig, und in der hohen Lage klingt der Argentinier unfrei. Um die dramatischen Passagen tiptop zu singen, fehlt Álvarez zwar nicht der Wille, aber das Material. Obendrein leistet sich Álvarez manierierte Piani und isoliert ausgestellte Spitzentöne (sowohl bei „que m’aspetta“ in „Tra voi belle“ als auch bei „e ascose fibre“ in „Donna non vidi mai“).

Ungewohnt die Vorschlagsnote bei „chiamo“ in „Manon Lescaut mi chiamo“ mit dem angedeuteten Lächeln im Klang. Ungewohnt unheroisch wird „Cortese damigella“ phrasiert (Ich bekomme Del Monaco nicht aus dem Ohr).

Doch Marcelo Álvarez wächst mit der Dauer des Abends.

Denn Álvarez‘ große Stunde kommt im Wüsten-Finale. Von theatralischen Soccorso-Schluchzern abgesehen, gelingt Álvarez ein eindringliches Porträt des unglücklichen Jungadligen, inklusive heroischer Rezitative und melancholiedurchtränkter Vokalgesten.

Anna Netrebko Met 2016 "In quelle trine morbide"

Anna Netrebko singt „In quelle trine morbide“ / Foto: facebook.com/MetOpera/

Auch Anna Netrebko macht im todumflorten vierten Akt die beste Figur. Aber wohl selten ist die Manon schon vom ersten, vom Amiens-Akt an so erwachsen, so tragicamente gesungen worden wie an der Met von Netrebko.

Der Grund: Netrebkos Sopran befindet sich wie schon seit längerem in einem Prozess des Nach- und Weiterdunkelns. Das passt perfekt in Netrebkos Masterplan, weg von den Traviatas, hin zu den Aidas, den Toscas. Addio, wärmendes Rubinrot von 2010. Ihr Organ ist auf dem Weg zu einer Art imponierendem Blaukraut-Violett. Die Stimme ist schwer, fließt durchs Notenbild zäh wie Sirup. Anna Netrebkos „In quelle trine morbide“ ist kein Porträt einer leichtfertigen Teenager-Göre. Das ist der Sopran einer Frau mit Lungen voll russischen Schwermetalls. Der Aufschwung aus Achteln über eine Septime bei „di labbra ardenti“ klingt wie eine startende Antonow An-225.

Auch „Sola, perduta, abbandonata“ kommt aus der Tiefe des Brustkorbes. Ein schwerer Strom aus Vokalen. Netrebko spurt durch die Verzweifelungsarie wie ein Schneeraupe durch Taiga-Tiefschnee.

Freilich ist da immer noch Netrebkos souverän geflutetes Piano.

Das übertriebene Ritardando auf „opporre il mio rifiuto“ mag auf den Dirigenten Marco Armiliato zurückgehen. Original Netrebko ist aber das filmreife „orribilmente“ im 4. Akt, das selbst hartgesottenen Netrebko-Fans ein Lächeln auf die Lippen zaubern dürfte.

Doch genug von der packenden Puccini-Heldin Netrebko und ihren Tugenden und Untugenden.

Christopher Maltmann setzt seine schwere Stimme für den Lescaut, Manons opportunistischen Bruder, ein. Bass Brindley Sherratt singt den Lustmolch Geronte. Avery Amereau singt das bezaubernde Madgrial im zweiten Akt. Zach Borichevsky singt den quirligen Studenten Edmondo.

Marco Armiliato ist der erfolgreichste Herz-Schmerz-Dirigent der Welt. Armiliato dirigiert Puccini, Verdi, hier und da ein Liebestrank, ein bissl Verismo. An der Met, in London, in Wien. Und gerne auch noch Recitals mit den teuersten Kehlen dieser Welt. Mehr aber nicht. Dann ist Schluss. Man hört’s.

Wenn Marco Armiliato das vorzügliche Orchester der Metropolitan Opera leitet, setzt er den lockeren Pinsel an. Es ist ein lebhaftes, geschmeidiges, dabei erfreulich sicheres Dirigat, dem hinten raus aber Schärfe und Kraft fehlen.

Tempo ja, Dringlichkeit und Drama nein. Stark ist, wie Armiliato den farblichen Reiz der Partitur auskostet, wie ihm das geniale Alfresco von Puccinis Orchesterparlando liegt. Schwach ist, wie er die düsteren Seiten der Partitur ins rein Theatralische abbiegt. Aber zum Glück zwitschert irgendwo immer eine Flöte, hüpft ein bunte Streichergeste. Und das passt nun wieder zur ungeniert nach Hollywood schielenden Inszenierung.

Fazit: Manon Lescaut kann man auch anders besetzen. Aber diese Manon Lescaut mit Álvarez, Netrebko und Armiliato war das Hinhören wert.


Weitere Kritiken/Reviews von Manon Lescaut mit Anna Netrebko:

A Courtesan in Need of Context“ (New York Times)

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