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Ein nettes Konzertchen.

Es beginnt mit dem Prélude à l’unisson aus der Orchestersuite Nr. 1 (1903) des Rumänen George Enescu. Das Vorspiel besitzt einen herben Ton. Form und Sprödheit des Ausdrucks folgen dem Vorbild eines Rezitativs. Die sorgfältigen Streicher und die verhaltene Emphase des Prélude sollten zum Leitbild des Abends werden.

Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta (1936) ist ein Klassiker. Das Stück ist mathematisch klar und unendlich differenziert. Die „Musik“ ist eines der Erz-Stückerl des 20. Jahrhunderts. Iván Fischer und seine Musiker kitzeln aus dem Meistwerk einmal nicht die geharnischte Moderne (Strenge! Motorik!! Klarheit!!!) heraus. Stattdessen wird auf Helligkeit, Leichtigkeit, Leichtfüßigkeit fokussiert. Klar, dafür ist Fischer unbestimmter im Plastischen, im Motorischen.

Fischers Motto: schön locker, Jungs. Oder: Seziern mia ned, spuin mia, wie Franck Ribéry sagen würde.

Im eröffnenden Andante tranquillo arbeitet Fischer mit verschwimmenden Linien. Fast tun die Streicher singen. Immer wieder faszinierend befremdend ist die Wirkung der Celesta-Sextolen. Im Allegro locken die leichthin geworfene Piano-Leggero-Passage, überhaupt eine Parlando-Freiheit, die auch die hellen Einwürfe des Klaviers bestimmt. Die Reprise gestaltet sich fast lauschig, und so pastoral, so singend hört man den zweiten Satz selten.

Wie der Hefeteig eines Meisterbäckers

Während des Adagio (erstes Thema!) meint man in die innersten Organe des Orchesters zu blicken. Raphael Haeger brilliert am Xylophon. Die Streicher klingen unberechenbar wie der Hefeteig eines Meisterbäckers. Die Durchführung des Finale zeigt mozart’sches Grooven. Der langsame Part vor der Stretta klingt sanft und elegant. Die Stretta selbst ist hell, verspielt und – seltener Fall – diskret.

Nach der Pause Mozart.

Da kommt die Sopranistin Christiane Karg. Sie trägt ein blaues Schulterfreies. Lange Lippen, kluge Nase. Karg singt „Lungi da te“ aus der frühen Oper seria Mitridate (1770) und „Misera, dove son“ (von 1781, dem Jahr der Idomeneo-Uraufführung). Frau Kargs Stimme ist ein bewundernswert klarer lyrischer Sopran. Der Ausdruck tendiert zu klassizistischer Kühle. Das Timbre ist kontrolliert. Formung der Triller und rhythmisches Gefühl sind gut, wenn auch (heute Abend) nicht exorbitant gut. Mir gefällt Karg im turbulenten Allegro-Teil des zweiten Stücks („Non cura il ciel“) besser. Da schmecke ich mehr Spontaneität und Persönlichkeit heraus als in den mitunter förmlich klingenden langsamen Arienteilen. Die tiefe Lage ist etwas reizloser als die obere (kleine Nebenbemerkung). Es begleitet bei „Lungi da te“ Ex-Concertgebouworkest-Hornist Félix Dervaux mit erst- und extraklassigem Spiel.

Die Prager Sinfonie. Bei den repräsentativen Orchestern gehören die Sinfonien Mozarts inzwischen Werke zur Programmperipherie. Dass die Berliner Philharmoniker „das“ immer noch superb spielen, hört man heuer. Das Tempo ist gemäßigt, doch rubato-bewegt flüssig. Vor dem Konzept locker gespannten und metrisch flexiblen Musizierens kommt die ehrwürdig dramatische Konzeption der Durchführung ebenso zur Geltung wie die nervöse Energie des Finales. Die ersten Geigen phrasieren wie der helle Wahnsinn. Im langsamen Satz führt die nie aussetzende, doch biegsam den melodischen Gestalten angepasste Vorwärtsbewegung zum Eindruck unergründlicher dramatischer Spannung.

Fazit: ein auf den ersten Blick programmatisch wie interpretatorisch unscheinbar und diskret wirkender Konzertabend entpuppt sich als äußerst gelungen


Weitere Kritiken des Philharmoniker-Konzerts:

Zartbesaitet: Berliner Philharmoniker, Iván Fischer, Christiane Karg mit Enescu, Bartók, Mozart“ (hundert11)
Die Magie von Hell und Dunkel“ (Stage and Screen)
Gut gemacht. Ivan Fischer führt die Berliner Philharmoniker durch Werke von Mozart, Enescu und Bartók“ (tagesspiegel.de)

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