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Philipp Stölzl Richard Wagner Parsifal Deutschen Oper Berlin

Blaue Stunde in Gralslandschaften: Stölzls Parsifal an der Deutschen Oper Berlin / Foto: facebook.com/DeutscheOperBerlin, Matthias Baus

Philipp Stölzls Zentenar-Parsifal (Mit der Inszenierung feierte die Deutsche Oper ihr 100-jähriges Wachsen und Gedeihen) steht wieder auf dem Spielplan der DOB. Und immer noch changiert Stölzls Berliner Parsifal zwischen Revoluzzer-Regie und turbulenter Texttreue. Es ist eine Stärke von Stölzls Parsifaldeutung, dass der Zuschauer auch nach wiederholtem Besuch nicht weiß, ob Stölzl sich bierernste Bibeltreue oder ideologiekritisch um sich ätzendes Regietheater auf die Fahnen geschrieben hat. Das kultige Bühnenweihfestspiel als ergebnisoffenes postmodernes Wunschkonzert, wer hätte das gedacht!

Stölzl ändert die Bühnenhandlung in folgenden Punkten: 1. Man sieht keinen Schwan. 2. Parsifal ersticht Klingsor rücklings wie Hagen Siegfried. 3. Kundry wird zwangsgetauft. 4. Amfortas begeht im Finale des dritten Aktes Selbstmord.

Daneben gibt es einige weniger offensichtlich und dennoch nennenswerte Tendenzen der Dramaturgie: 1. Hat Parsifal den Schwan eigenhändig erdrosselt (Woher sonst die blutigen Hände? Woher die dekorativ drapierten Federn auf seinem Jackett??). 2. Gurnemanz stößt Kundry im dritten Akt in schnöder Achtlosigkeit zur lungernden Meute der Gralsritter. 3. Kundry bricht während der letzten Takte in krampfhaftes, lautloses Lachen aus und bleibt wohl unerlöst – aber am Leben.

Die Kämpfe in Zeitlupe, die eingefrorenen Tableaux vivants mögen als freundlich ironischer Kommentar zur handlungsarmen Langatmigkeit der Oper verstanden werden wollen. Sie passen aber auch ins latent filmische Konzept dieses erstaunlichen Parsifal, den ich – ich muss es zugeben – immer wieder gerne sehe.

Die Sänger bieten gutes Niveau.

Klaus Florian Vogt liefert das erwartete helle Parsifalporträt. Den deutlich ephebenhaften Klang vergangener Jahre hat Vogt peu à peu abgelegt, oder besser gesagt folgenreich modifiziert und erweitert. Vogts vor Jahren noch arg nazarenisches Tenorsilber ist nun metallischer geworden. Dafür wird Vogts Parsifal Jahr für Jahr nuancenreicher, ist in seiner wohltuend kantablen Deklamation ein Garant für eine durchdringende Rolleninterpretation.

Tenor Klaus Florian Vogt Parsifal

Klaus Florian Vogt als tenoraler Schmerzensritter / Foto: facebook.com/DeutscheOperBerlin/ Matthias Baus

Daniela Sindram verkörpert povera Kundry. Selten hörte ich ein genaueres „Wenn nicht der Kunde Wunsch“. Wunderschön strahlend ertönt „Gelobter Held“. Die Frage war, ob Frau Sindram das Feuer für Kundry aufbringen würde. Sie hat Farben, Intelligenz und die hohen Töne – aber weniger das Drama. Die „Hilfe! Hilfe!“-Rufe sind wenig prägnant. Hingegen beeindruckt das „lachte“ (ein H) rein klanglich, doch kündet es wenig von Verzweiflung. Auch dem tief liegenden „Endlos durch das Dasein quält“ fehlen die Leidensfarben. Dass Sindram nicht so verzehrend spielt wie weiland Herlitzius, war zu erwarten. Dass ihre Deklamation nicht Schärfe und Profil derjenigen Waltraud Meiers erreicht, ebenso. Dennoch ist die Kundry der Daniela Sindram aufschlussreicher zu hören als die so mancher vokal voluminöserer Verführerin. Schauspielerisch beherrscht Sindram das pathetische Genre noch nicht restlos: Einmal wirft sie die Arme wie Windmühlenflügel in die Höhe. Ein perfider Seitenhieb der Regie: Gurnemanz‘ väterliches „Nicht so“ im dritten Akt verhindert augenscheinlich einen kurz bevorstehenden Kuss zwischen Parsifal und Kundry. Povera Kundry.

Vom siechtumumflorten Amfortas von Thomas J. Mayer kommt die dramatischste Stimme des Abends. Mayers Schmerzensakzente sind für die expressiven Höhepunkte des Abends verantwortlich. Mayers Bariton ist deklamatorisch beweglich, das Timbre knorrig, die Vollhöhe konzentriert und klangstark.

Der Gurnemanz wird von dem wuchtigen dänischen Bassbariton Stephen Milling gesungen. Anders als bei Rattles Tristan im April 2016 (Milling sang König Marke) fehlen mir bei Milling heute weder prägnante Deklamation noch genuines Pathos. Dennoch habe ich Einwände. Es liegt etwas Unstetes in Millings Leistung. Singt er hier würdevoll sonor, so phrasiert er dort fantasielos. Die Karfreitagsszene ist sehr leise. Dann wieder vermittelt Milling glaubhaft die herbe (vokale) Energie dieses „rüstigen Greisen“ (Wagner). Da fehlt mir die interpretatorische Linie, der letzte rollenverkörpernde Biss.

Als Klingsor ist Derek Welton ein freakiger, zotteliger Medizinmann, dessen Adepten fiesen Voodoo an knackigen Gralsrittern üben. Unbeeindruckt von den zahlreichen attraktiven Damen um ihn herum – oder inspiriert von ihnen – gelingt Welton ein energisches, vokal sehr präsentes Porträt ganz ohne bleckend dämonische Überzeichnung. Titurel Andrew Harris singt den gehstockgreisen König, der wie eine Vogelscheuche auf der Bühne herumsteht, mit autoritärer, scharfer Kernigkeit. Sehr gut.

Die beiden Gralsritter Andrew Dickinson, Alexei Botnarciuc singen gut. Die Knappen in Kreuzritterkitteln werden von Alexandra Hutton, Annika Schlicht, Paul Kaufmann, Robert Watson gesungen.

Die Blumenmädchen singen mit der Farbigkeit eines tropischen Fischschwarms, individuell hervortretend und doch kollektiv bewegt. Es singen Siobhan Stagg, Alexandra Hutton, Irene Roberts sowie Elena Tsallagova, Adriana Ferfezka, Annika Schlicht. Für die Stimme aus der Höhe ist wiederum Annika Schlicht verantwortlich („Durch Mitleid wissend, der reine Tor“, Ende 1. Akt).

Der Chor der Deutschen Oper trägt Kettenhemd und singt regieadäquat aggressiv und markant. Auch optisch sind die Gralsritter (die im 3. Akt in tristem, quasi zeitlosem Gegenwartsgrau stecken und um weibliche Ko-Ritter erweitert werden) als unkontrollierbar gewalttätige (und latent progrombereite) Rotte eine Augenweide. Nur die Knaben und Stimmen aus der Höhe klingen sehr leise, weil verdeckt hinter der Bühne postiert.

GMD Donald Runnicles formt einen erdnahen Klang, meidet den geflissentlich weihevollen Ton. Das Orchester der Deutschen Oper sieht seine Aufgabe darin, einen kompakten Klangstrom zu bilden, in dem fröhliches Instrumenten-Multikulti zugunsten einer gedeckten Einheitsfarbe zurücktritt. Durchsichtigkeit scheint nicht erste Musikerpflicht. Wirkt der erste Aufzug lustlos, weil Runnicles seinen Five-o’clock-Tee nicht bekam? Jedenfalls ist der dritte Aufzug der beste, wegen der zeitlupigen Piano-Zurücknahmen und wegen des faszinierenden Grau-in-Grau der Farben. Ja, Orchesterhöhepunkte könnten differenzierter klingen und Ausdruck und Detailformung beredter sein. Auch bei der Verblendung der Klangfarben bleiben Wünsche offen. Doch besitzen die Kulminationen der Rahmenakte orchestralen Aplomb, und Runnicles siedelt das irgendwo zwischen drohend-dröhnend und spätromantisch verhangen an.

Kritiken der Premiere von Wagners Parsifal an der Deutschen Oper:
Dann lieber gleich nach Oberammergau“ (faz.net)
Ein Kessel Buntes“ (zeit.de)

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