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Elgar The Dream of Gerontius

Elgar The Dream of Gerontius / Foto: berlinerfestspiele.de

Die Staatskapelle spielt Edward Elgar.

Wenn es eine Geisteshaltung namens Elgarphilie gibt, so ist Daniel Barenboim einer ihrer Berliner Hauptvertreter. Nach den Elgarsinfonien Nr. 1. und 2 folgt nun Elgars Oratorium The Dream of Gerontius.

Das Werk mischt katholische Süßlichkeit mit typisch englischer Unvermitteltheit. Ob Zufall oder nicht, der Engländer mit dem markanten Schnauzer hat in seinen „Gerontius“ einige der schönsten melodischen Eingebungen gepackt, die um 1900 einem Komponisten einfallen konnten.

Im Vorfeld des Konzerts, dem letzten des diesjährigen Musikfestes Berlin, sorgte ein wahres Feuerwerk von Umbesetzungen für Unruhe. Jonas Kaufmann sagte letzte Woche ab. Der Tenor Toby Spence wird als Ersatz gemeldet. Wenig später ersetzt Andrew Staples Spence. Damit nicht genug. Mezzosopran Sarah Connolly meldet sich krank („I’ve had laryngitis and flu“). Flugs wird Catherine Wyn-Rogers eingeflogen. Nur Thomas Hampson scheint über eine unerschütterliche Gesundheit zu verfügen.

Catherine Wyn-Rogers, Andrew Staples, Thomas Hampson

Diese Catherine Wyn-Rogers als Guardian Angel (vor einigen Jahren Erda im Münchner Nagano-Ring zu hören) ist eine Überraschung. Jaja, ihre vokale Linie ist nicht mehr das, was man makellos nennen wird. Gleiches gilt für ihre Mezzospitzen. Aber das Gefühl für die Formung von Melodiebögen, für die Gestaltung der Betonungshöhepunkte, für das natürliche Timing sind sehr gut. Frau Wyn-Rogers hat Klang, Musikalität und ein hohes Maß an Autorität.

Der Londoner Andrew Staples ist Gerontius. Staples singt sich technisch beeindruckend durch die Mammutpartie. Sein Material scheint kerngesund. Die leisen Töne in hoher Lage kommen makellos. Staples ist fähig, feinste dynamische Abstufungen darzustellen. Sein „Take me away“ besitzt echten Schwung. Die Feinheit seines Vortrages überrascht und entschädigt für einen Tenorklang, der zwar prägnant, aber wenig reich und expressiv (besonders in der unteren Lage) einseitig ist. Man vermisst das rhetorische Brio Jonas Kaufmanns (wobei ich nicht sagen kann, wie gut Kaufmann als Sänger englischer Werke ist) und dann die im Ganzen doch subtilere vokale Ausdrucksfähigkeit Toby Spences.

Es ist ein pures Vergnügen zu hören, wie selbstverständlich vertraut die beiden britischen Sänger mit dem britischen Stück sind.

Der berühmte Thomas Hampson ist Priest und Angel of the Agony. Wie bei seinem letzten Auftritt in der Philharmonie (Strauss-Lieder mit René Fleming) missfällt mir bei aller vokalen Grandeur dieser außerordentlichen Baritonstimme eine gewisse äußerliche Rhetorik, der es an Wärme des Ausdrucks fehlt.

Es singen der Staatsopernchor sowie der RIAS Kammerchor. Die Chöre verkörpern die himmlischen wie höllischen Heerscharen mit donnerndem chorischem Pathos. Schade, dass Gerontius nicht ernsthaft in Gefahr gerät, eine Auszeit in der Hölle zu nehmen, bevor er in den Himmel kommt. Das hätte dem Oratorium eine zusätzliche Perspektive gegeben. Bei allem viktorianischen Eifer, den die Dämonen an den Tag legen („Low born clods/Of brute earth“), lehren die Verse nämlich weder Mister Staples noch uns das Knie-Schlottern.

Daniel Barenboims Dream of Gerontius ist reich an tumultuösen Höhepunkten und packend in seiner dramatischen Kraft. Dieser Elgar strahlt: im unaufhörlichen Vor- und Rückfluten der reichen orchestralen Textur, im schwärmerischen Lyrismus der beiden Hauptgesangspartien, im herzzereißenden Pomp der Gipfelpunkte, in den zahlreichen Stellen sublimer Schönheit.

Barenboims Motto: Lebe wild und gefährlich, gerade auch bei Sir Edward Elgar.

Weitere Kritiken zu Elgars Dream of Gerontius in Berlin:
Viktorianisches Pompgemälde“ (nmz.de)
The Dream of Gerontius in Berlin“ (Non ti scordar di me)

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