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Bayreuth 2016: Frank Castorf Götterdämmerung

Bayreuth 2016: Frank Castorfs Götterdämmerung / Foto: Enrico Narwath / Bayreuther Festspiele

Castorfs wohlkomponierte Götterdämmerung schlawinert sich vom Kreuzberger Juste Milieu bis an die New Yorker Börse.

Ich höre Castorfs genialen Budenzauber auf BR-Klassik. Man wird diesen derb aufgetakelten Realismus noch bitter vermissen.

Dirigent Marek Janowski stellt das Niveau des hervorragenden Siegfried nicht flächendeckend wieder her. Zuerst die Auffälligkeiten: Da strahlt die Rheinfahrt Siegfrieds in muskulösem Blech. Es begeistert die trockene Glut des Orchesters. Und das Festspielorchester der Bayreuther Festspiele strickt betörend dichte Stimmgewebe – ich mag Janowskis abgedämpftes Streicherideal. Die Mannenchöre des zweiten Aktes entfalten dralle Schallkraft und steigern sich zuletzt zu schier prügelfugenähnlichem Tohuwabohu.

Schade, dass die Leitmotive bisweilen allzu fröhlich aus den Schalltrichtern purzeln. Anders als im fastperfekten Siegfried klingt so was heute eine Spur zu wichtigtuerisch, so etwa beim demonstrativ markanten Siegfriedmotiv im Trauermarsch. Janowski macht Wagner comichafter als dieser ist – und das bei Götterdämmerung, dem leitmotivisch feinstverzahnten Abschluss der Bayreuther Tetralogie. Doch Janowski kann auch anders. Das präzise nuancierte Vorspiel zur Waltrautenszene des ersten Aktes erklimmt hehrste Wagnergipfel. Und Janowskis Wagner-Tempo sorgt ungezählte Male für unbestechlichen Klarblick. So gewinnt die Partitur Stringenz und Durchschlagskraft bis in die packenden Schlusstakte hinein. Das ist selten.

Die Brünnhilde Catherine Fosters gelingt nicht besser als in den vorangegangenen Teilen des „Rings“. „Zu neuen Taten, teurer Helde“ wabert als wilde Vokal- und Konsonantensuppe über der Bühne. Die Waltrautenszene missrät kurzatmig, stummelphrasig und vokalverdellt. „Altgewohntes Geräusch raunt meinem Ohr die Ferne“ gerät zu einer Lehrstunde anglophiler Wagner-Aussprache. Catherine Fosters Spitzentöne, ihre sorgfältige Dynamik bleiben der Sängerin unbenommen. Die besten Momente gelingen der britischen Sopranistin in „Helle Wehr! Heilige Waffe!“

Siegfried Stefan Vinke schnitzt im Brünnhildenduett des Vorspiels gewohnt grobe Tenorschnitzer und haut auch sonst vokal auf den Putz. Zum ersten Akt, der vor der berüchtigten Döner-Box der Gibichungen spielt, passt Vinkes Draufgängertum wie der Topf auf den Deckel. Doch die offene Tongebung, die burschikose Phrasierung veredeln die Szene von Siegfrieds Tod nur bedingt und bereiten auch sonst allerhand Stirnrunzeln.

Der Döner-futternde Markus Eiche zeigt einen facettenreichen Gunther. Eiche singt tadellos, zu Beginn prahlerisch, im zweiten Akt jammerlappig-verzagt. Stimmlich bleibt Eiche ohne die hypergroße Ausladung, singt klar, edelbitter und helltönig. Ein Plus.

Springerstiefel-Hagen Albert Pesendorfer springt für Stephen Milling ein. Pesendorfer ist ein wortgenauer Hagen, der seine Gefühlskälte hinter kantablem Schönsingen verbirgt. Es gab schon dräuendere Hagenfiguren in Bayreuth zu hören, Pesendorfer bietet einen ruhig-tadellosen Fiesling. Den Siegfried-Totschlag vollbringt Albert Pesendorfer affektböse mit dem Baseballschläger.

Die Gutrune von Allison Oakes gefällt mit intensivem, doch wenig charakteristischem Klang. So viel Stabreime Oakes auch singt, so sehr höre ich die englische Diktion durchschimmern, und das verzieht schlussendlich Vokale und schleift Konsonanten ab. Immer wieder schön aber ist, wie Oakes mit Brünnhildes Mantelzipfel die Frontscheibe des Isetta wienert.

Als Waltraute feuert Marina Prudenskaya gefiederte Mezzospitzen auf Brünnhilde ab. Prudenskaya nehme ich jedes Wort ihres „Höre mit Sinn, was ich dir sage!“-Monologes ab. In ihm zittert genug Empörungsanklage für zwei weitere Götterdämmerungen – absolut verständlich, denn Frau Prudenskaya will schließlich Walhall retten und muss dazu Brünnhilde vom Lotterleben abhalten. Gerade im Vergleich mit Prudenskayas dramaturgisch sinnvoll aufgebauter, von Innigkeitsoasen durchsetzter Darstellungskunst sticht die in vielen Aspekten – Phrasierung, fehlende Stetigkeit des Tons, mangelnder dramatischer Instinkt, Aussprache, Probleme bei der Tonhöhenfindung – ungenügende Leistung Catherine Fosters ab. Es ist in einem „Wehe!“ der Waltraute mehr Zunder als in Fosters gesamtem Abend.

Alberich Albert Dohmen sichert dem Abend die finstere Komponente, während Castorfs keckestes Trio infernale, die Rheintöchter Woglinde Alexandra Steiner, Wellgunde Stephanie Houtzeel und Flosshilde Wiebke Lehmkuhl sowohl Siegfried wie Gunther an’s Leder gehen. Die Nornen zeigen mit Wiebke Lehmkuhl Alt-Tiefe, mit Stephanie Houtzeel Temperament und mit Christiane Kohl sopranige Höhe.

Beim Schlussapplaus Buhs für Janowski. Hätte man bei Walküre gebuht, hätte ich’s zwar nicht akzeptiert, aber verstanden.

Weitere Kritiken der Götterdämmerung der Bayreuther Festspiele 2016:

Johann Jahn: „Eilige Götterdämmerung auf dem Grünen Hügel“ (br-klassik.de)
Peter P. Pachl: „Neue Besetzungen und noch mehr Krokodile“ (nmz.de)
N.N.: „Gemischte Reaktionen auf die Götterdämmerung“ (fr-online.de)
Stefan Petraschewsky: „Kreuzberg ist Siegfrieds Tod“ (mdr.de)

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