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Frank Castorfs Die Walküre in Bayreuth 2016 / Foto: Enrico Nawrath

Wagners Die Walküre in Castorfs Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen 2016.

Ich höre BR Klassik.

Der Siegmund von Christopher Ventris. Ich muss zuerst die Negativa loswerden. Die ersten Minuten klingt Ventris farblos und eng. Die Diktion wirkt, als hätte er ein Orange im Mund. Eine Prise Larmoyanz ist dabei. Doch dann kommt ein wohltuendes Piano („Nun weißt du, fragende Frau“), der Vortrag ist zwar zerdehnt, hat aber Atmosphäre. Ventris‘ Wälserufe stehen wie eine Eins. Die „freudige Gluth“ Siegmunds singt Ventris ohne rechten Mumm. Im melodienseligen „Winterstürme“ scheinen die vielen Silben auf Triolensechzehnteln Ventris Zunge schier zu verheddern. Aber insgesamt singt Ventris den Siegmund schön, rührend und jugendlich. Wunderschön sind Zusammenfassung und Schwung bei „Siegmund den Wälsung…“ Ventris‘ Stimme hat Kraft für tragende Piani und leuchtende Fortissimi.

Für die Todverkündigungsszene des zweiten Aufzugs findet Ventris Innigkeit und Einfachheit, doch mehr von letzterer. Sehr schön und einfach dann Siegmunds „Zauberfest bezähmt ein Schlaf“, das er an die schlafende Sieglinde richtet, nachdem Brünnhilde in höchster Erregung auf und davon ist, um sich für das bevorstehende Duell zu rüsten.

Heidi Melton spendet der Sieglinde lockende Sopranfarben. Verführerisch das Samt in der Mitte. Die Spitzen flottieren gerne frei vom Textsinn. Unter Anstrengung geformte Vokale kann man nur schemenhaft identifizieren. Länger ausgehaltene Spitzen hängen darüber hinaus unorganisch in der Luft. Amerikanisch sind die weit offenen E’s („Äää“). Am besten ist Melton bei einfach zu singender, flutender Musik („Du bist der Lenz, nach dem ich verlange“). Direkt danach singt sie das Weitere vorsichtig, zudem äußerst vorsichtig Atem fassend. Oft passt ein Leiserwerden nicht zur Silbe. Meltons Leistung ist ein Kuddelmuddel aus schönen Stellen und Unzureichendem. Einigen hohen Tönen scheint sie noch nicht recht gewachsen. Zudem klingt Melton mitunter, als ob sie zur deutschen Sprache wie die Jungfrau zum Kind gekommen wäre. „Du hehrstes Wunder!“ haut sie fahrig und womöglich übermotiviert heraus. Meiner Meinung nach eine wunderschöne Elisabeth-Stimme.

Der Hunding von Georg Zeppenfeld –  ein Prost auf seinen bewunderungswürdigen Gurnemanz! – klingt zuerst wie der freundliche Hausherr, der einen lieben Gast aufnimmt. Zeppenfeld bekommt aber den Bogen, doch das Finster-Bedrohliche beherrscht er heute Abend nicht aus dem Eff-Eff. Es bleibt eine schönkantable Komponente in Zeppenfelds Singen, die für den verstockten Finsterling Hunding nicht recht passen will.

Wotans nimmt sich der Däne John Lundgren an. Dieser Wotan strahlt weniger göttliche Souveränität, dafür umso mehr die Unzufriedenheit eines Emporkömmlings. Die Gründe hierfür? Zum einen die helle Stimme, die unruhige Deklamation, die flirrende Energie der beeindruckenden Entladungen. Denn Lundgren hat Energie. Denn Lundgren klingt verbissen. Denn Lundgren stemmt die Schlussszene fulminant. Lundgren ist ein Bassbariton, bei dem man denkt: gut, gut, gut – aber sehr gut? Durch Phrasen wie „doch der in Liebe ich frei’te“ hindurch vernehme ich das Keifen Alberichs. Das ist per se nicht dumm, geschweige denn unpassend, vielmehr rolleninterpretatorisch aufregend. Doch solche Eindrücke scheinen zufällig zustande zu kommen. Ich wette, 2018 wird Lundgrens Wotan natürlicher klingen.

Weiter: Die rezitativnahen Partien des Brünnhilde-Dialogs im zweiten Aufzug bewegen sich recht nah am Sprechsingen. Sein Bassbariton bewahrt stets einen neblig verhangenen Klangkern. Zu theatralisch das letzte „Geh‘!“, mit dem Wotan Hunding auf direktem Wege nach Hel befördert. Lundgrens vokale Wucht, seine Deklamation können markiert wirken, selbst in so formidablen Passagen wie „Leb‘ wohl, du kühnes herrliches Kind“. Lundgren zerrt an den Stabreimen Wagners wie ein nervöser Wettkampfpilot am Steuerknüppel seines Flugzeugs. Wie gesagt, 2018…

Sarah Connolly gestaltet die Fricka unruhig, bisweilen inkohärent, was die Kontinuität der Melodielinie angeht, doch flüssig und temperamentvoll. Neben Ventris bietet sie die beste Leistung. Glaubwürdig bringt sie die ehefrauliche Kränkung zu Gehör, die ehegöttinnenhafte Empörung. Eine Doris Soffel verpasste dem Text noch mehr Profil und Tiefenschärfe, klar. Aber Sarah Connolly hat das Lodern in der Mitte, den Klang in der Tiefe und die Attacke für die Höhe.

Brünnhilde Catherine Foster hojotohot froh und munter. Ich bin kein Anhänger der Sangeskunst von Frau Foster. Ihr liegen die Walkürenrufe und aus der Kehle geschleuderte Töne über dem System, bei denen niemand einen angemessenen Ausdruck des Sinngehalts erwartet. Auch liegen ihr die gedehnten Worte zum Einstieg in die Todverkündungsszene („sehr feierlich und gemessen“). Ansonsten klingt Fosters Wortformung naiv (in dieser Hinsicht erinnert C. Foster an Klaus Florian Vogt vor zehn Jahren). Die Phrasierung wirkt, als sei sie den Worten von außen aufgeklebt. Hinzu kommen Intonationsunsicherheiten, sprich Tonhöhenungenauigkeiten. Doch genug der Kritik. Ich muss zugestehen, dass Catherine Fosters Brünnhilde jedes Jahr besser wird. Was darauf schließen lässt, dass Foster eine leidenschaftliche, ehrgeizige Arbeiterin ist, die Fehler abzustellen bestrebt ist.

Die kecken Walküren singen Alexandra Petersamer (breit, Rossweisse), Christiane Kohl (hohe, sehr hohe C’s, Helmwige), Mareike Morr (schönes Vibrato, Siegrune), Wiebke Lehmkuhl (aufregend, Grimgerde), Stephanie Houtzeel (etwas undeutlich, Waltraute), Nadine Weissmann (mächtig, obertonreich, Schwertleite),  Caroline Wenborne (schallend, Gerhilde), Dara Hobbs (klang- und kraftvoll, Ortlinde).

Marek Janowski wiederholt sein aufsehenerregendes Dirigat vom Rheingold nicht. Janowski lässt das Festspielorchester als Begleitung spielen. Klarheit dominiert. Doch das blühendglühende Melos der ersten Aktes biegt Janowski in Knäckebrot um. Bei Janowski haben die Geigen kein Mitleid mit Siegmund. Wohl aber haben die Celli des Waberlohemotivs dann vor „Der Augen leuchtendes Paar“ Mitleid mit Brünnhilde. Dennoch, ich vermisse kühne Dehnungen. Die Phantasie der Phrasierung leidet unter dem Primat der Klarheit. So wird Bedeutung verpasst. Das ist wenig animierend. Wohlgemerkt, dies sind die Eindrücke der Radioübertragung. Natürlich gibt es großartige Stellen voller Sammlung, etwa die Aktschlüsse. Doch auch der Walkürenritt ist – am Radio! – eine zackige, doch gänzlich uncharmante Angelegenheit.

Fazit: Eine Bayreuth-Walküre, die man vom sängerischen Standpunkt, aber auch vom dirigentischen Standpunkt aus in Wien (Fischer) oder Berlin (Barenboim) dieses Jahr besser hörte. Warten wir ab, was Siegfried und Götterdämmerung bringen. Einen Janowski redivivus?

Weitere Kritiken zu „Die Walküre“ der Bayreuther Festspiele 2016:

Eleonore Büning: „Wütende Worte, wunderbare Wagnerweisen“ (faz.net)
Markus Thiel: „Aus dem Walkürenritt geraten“ (merkur.de)
Axel Zibulski: „Rheingold und Walküre enttäuschen in Bayreuth im Dirigat von Marek Janowski“ (wiesbadener-kurier.de)

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