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Ricarda Merbeth Senta Fliegender Holländer Wagner

Ricarda Merbeth ist Senta / Foto: br-Klassik.de

Bayreuther Festspielhaus, BR-Klassik überträgt.

Jan Philipp Glogers Holländer sticht wieder in See. Am Steuer steht wie letztes Jahr Dirigent Axel Kober.

Regisseur Gloger übersetzte Wagners dramatische Ballade über zwei Seebären und eine überreizte Norwegerin 2012 ja ins Finanzweltliche. Der Fliegende Holländer als Ballade wider den schnöden Mammon – dieser fixen Idee blieb und bleibt auch 2016 nicht die intelligente, wohl aber die mitreißende Bühnenvergegenwärtigung versagt. Da helfen selbst Bauchstichfinale und fix ökonomisierter Liebestod nicht weiter.

Den sturmgepeitschten Holländer singt Thomas J. Mayer. Er gibt einen dämonischen, keinen noblen Holländer. Mayers Rollenporträt ruft Begriffe wie Düsterkeit und männliche Würde auf. Im Kräfteparallelogramm von Schönheit, Leidenschaft, Wortausdruck und Sauberkeit positioniert sich Mayer bei Leidenschaft und Wortausdruck. Seinen angemessen wettergegerbten Bariton setzt Mayer intensiv dramatisierend ein. Auch wenn der klangliche Zusammenhang des Gesungenen mitunter brüchig ist. Vorsicht: Dass bei Thomas J. Mayer kaum Registerunterschiede hörbar sind, trägt bisweilen zu einer gewissen farblichen Eintönigkeit bei.

Ricarda Merbeth nährt im Publikum nicht die Illusion, Senta befinde sich im allerzartesten Teenageralter. Die wagnererprobte Sopranistin stemmt ihre Sopranspitzen mit jenem Selbstbewusstsein, das lange Bühnenerfahrung verleiht. Ricarda Merbeth kümmert sich um jeden Ton ihrer Ballade, als wäre dies ihre letzte. Merbeths Senta hat bekanntlich zwei Vorteile. Erstens: Merbeth klingt nach Senta und nicht nach Elsa wie bei anderen Sängerinnen dieser Rolle. Zweitens: Sie macht die durchgeknallte Kapitänstochter glaubhaft. Deswegen passieren solche Stellen wie das rührend lebhafte „Ach, schweige, Erik“ gleich dutzendweise. Es ist eine durchdachte, sorgfältige Interpretation. – Verschweige ich einen Minuspunkt nicht! Denn einige Stellen aus dem Duett des zweiten Aktes genügen wegen der dauerhaft exponierten Lage nicht den Kriterien für nachtigallenhafte Stimmschönheit.

Daland und Erik hat Wagner jene psychologische Vielschichtigkeit versagt, die sämtliche Figuren der reifen Bühnenwerke auszeichnet (die Nornen ausgenommen). In Glogers Inszenierung läuft Peter Rose nun als geschäftstüchtiger Brautwerber in eigener Sache zur Hochform auf – szenisch. Dumm nur, dass er – zumindest für das vor dem Radioton lauschende Ohr – vokal überzeichnet. Da stellt sich die Frage nach lautlicher Reinheit. Die Phrasierung trudelt neben der Ideallinie her. Roses Bass unternimmt – unkontrollierte? – Ausflüge ins Zwischenreich des Sprechgesangs. Der Klangstrom ist brüchig – Zeichen ungebührlicher Beanspruchung der Stimme? Kurz: Dies ist der unattraktivste Daland der laufenden Holländer-Produktion. Sowohl Franz-Josef Selig als auch Kwangchul Youn boten mehr.

Was Andreas Schager für den armen Tropf Erik mitbringt, ist eine helle, durchsetzungsfähige Stimme. Den sentimentalen Ton traf Tomislav Mužek 2013 besser. Die Kavatine im dritten Akt gefällt durch tonliche Festigkeit. Den Auftritt der Mary stattet Nadine Weissmann mit der Würde ihres Erda-Alts aus. Als schlafensmüder Steuermann singt Benjamin Bruns genau und jugendlich.

Die Ventilatoren-Produzentinnen – vulgo Spinnerinnen – singen hübsch.

Am Pult steht wie vergangenes Jahr Axel Kober. Wie vergangenes Jahr hält sich Kobers Dirigat in der Mitte. Es ist neutral, und das nicht im besten Sinne. Dieser Holländer bietet ein bissl von allem: a bissl Gemüt, a bissl Drama, a bissl Fatum. Dazu serviert Kober Beilagen wie ein muskulöses Fortissimo des Tutti und nackten Trompetenglanz. Der Schwung der Coda poltert, das Matrosenliedmotiv versprüht harmlose Lustigkeit, die Schlussekstase ist vor allem laut. Technisch hingegen ist Kobers Dirigat tadellos. Man kann also sagen: Gut geschmettert, Axel.

Applauskaiser ist Thomas J. Mayer. Peter Rose erhält kurzen, heftigen Applaus. Viel Bravos für die Musiker.

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