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Anna Netrebko Leonora Il Trovatore Berlin Staatsoper

OK, basta with music: Leonora Anna Netrebko schmeißt hin und legt die Füße hoch / Foto: instagram.com/staatsoperberlin/

Philipp Stölzls verquerer Troubadour ist auch 2016 noch der Volltreffer ins Kontor inszenatorischer Schnarchnasigkeit, der er 2013 schon war. Auch wenn sich Tempo und Schärfe bei der aktuellen Wiederaufnahme ein bisserl abgeschliffen haben.

Die Mär vom unsinnigsten aller Libretti entlarvt Stölzl mit einer straighten Regie-Handschrift als unhaltbar. Ausstattungsplunder sieht man nicht, zumindest keinen konventionellen. Aber wenig zu sehen ist auch vom klassischen Regietheater. Die historischen Kostüme (Ursula Kudrna) drehen ins Bizarre, Gesten ins Hochaffektierte (Co-Regie: Mara Kurotschka). Also: optische Reize ja, Hypertrophie der Handlungsstränge, nein. Stärker als bei der Premiere fällt jedoch auf, dass Stölzl neutral zu zentralen Trovatore-Themen steht. Ein Beispiel: Wie hält es Verdi (wie halten es wir) mit der im Stück krass grassierenden Grausamkeit? Da stellt Stölzl auf Durchzug, zieht seinen Stiefel durch, macht Regiearbeit ex negativo.

Zu Anna Netrebko. Als Reifrockskulptur schlittert sie über die angeschrägte Bühne. Ich würde nicht einmal sagen, dass ihr Sopran das Schillertheater dominiert. Dolora Zajick (Azucena) hat die größere Stimme. Aber Netrebkos Stimme ist gemischt aus Leidenschaft – und Kontrolle. Astrein gelingt die Auftritts-Kavatine „Tacea la notte„. Typisch für Netrebko ist das buttrig-zähflüssige Legato im in Sekundschritten aufsteigenden Poco Animato („dolci s’udiro“). Der schweren Physis ihres Soprans fallen Zierfiguren nicht ganz leicht. Doch ihr Sopran ist bis auf die Spitzen vollstimmig, blühend im Ton.

Beim tiefliegenden Es in „Egliera, egliera desso“ oder dem aus imposant gurgelnder Tiefe kommenden „Tu vedrai che amore in terra“ kann ich mir eine genaue Vorstellung davon machen, wer im Haushalt Netrebko die Hosen anhat. Netrebko hat hier die Autorität einer heißen Sowjet-Traktoristin. Es ist wohlbekannt, dass Netrebko eine disziplinierte Arbeiterin ist. Charakteristisch dafür ist die penible Kontrolle über die Klangwirkungen ihrer Stimme. Wie sorgsam ist die Dynamik gehandhabt.

Il Trovatore Anna Netrebko, Dolora Zajick, Anna Lapkoskaya Staatsoper Berlin

Jedem sein Haarstil: Anna Netrebko, Dolora Zajick, Anna Lapkovskaya / Foto: instagram.com/staatsoperberlin/

Es ist kaum zu glauben, wie viel klugen Herzschmerz in „D’amor sull’ali rosee“ Verdi hineinkomponierte. Anna Netrebko durchtränkt die Arie mit raffinierten dolorosen Affektgesten. Trotz großer Stimme sind da Nuancen: Da ist das Gefühl für das Ausspinnen des Klanges, da sind schwebende Piani, ein feines Fil di voce, gut definierte Triller. Die Spitzen-B’s und -As‘ schimmern materielos.

Wenn Netrebko in „Mira, di acerbe lagrime“ von den Qualen der Liebe singt, setzt sie nicht sämtliche Tüpfelchen auf sämtliche I’s, wie Alfred Kerr sagen würde. Schwung und Dringlichkeit sind da, weniger jedoch die Ausbrüche der Leidenschaft. Und Vokale klingen nicht restlos klar, das führt zu unklarer Diktion und Vokal-Kauderwelsch. Aber dennoch eine große Leistung der russischen Sopranistin.

Den eifersuchtsgeplagten Grafen Luna singt Bariton Simone Piazzola. Ordentlich ist die Linienführung, einige ruppige Akzente sind zu verschmerzen („Il balen del suo sorriso„). Auffällig ist die feinkörnige Schwärze der Stimme. Der Klang kann beides haben: Fülle und Trockenheit. Das Timbre erinnert an fachmännisch getrocknetes Eichenholz.

Yusif Eyvazov, Anna Netrebko, Simone Piazzola, Schillertheater Berlin Troubadour Philipp Stölzl

Yusif Eyvazov, Anna Netrebko, Simone Piazzola / Foto: instagram.com/staatsoperberlin/

Der Manrico von Yusif Eyvazov, dessen prominenteste Nebenrolle derzeit die des Gatten von „Trebs“, wie Netrebko von Fans gerne genannt wird, ist, dürfte die interessanteste Personalie des Abends sein. Was ich von Eyvazov kannte, sind die helle Stimmfarbe und das enge Vibrato, was in Kombination zum Eindruck von Meckern führen kann. Auch Geschmacksunsicherheiten befürchtete ich, ebenso eine Stimme, die oben offensteht wie ein Scheunentor, bzw. wie eine Dachluke, wie man gerechterweise mit Blick auf das nicht allzu große Volumen seiner Tenorstimme sagen muss. Größtenteils waren die Befürchtungen unbegründet. Yusif Eyvazov hat hörbar an Technik und Stil gearbeitet. Das hohe C –  dünn wie Wassersuppe –  in „Di quella pira“ ist der einzige Tiefpunkt seiner Darbietung. Aber sonst höre ich einen Tenor, der über eine schlanke Höhe verfügt, über eine Mitte mit Latin-Lover-Qualitäten und melancholischen Schmelz beim Vortrag.

Geheimes Zentrum des Abends ist die Azucena von Dolora Zajick. Paradoxerweise muss man zugeben, dass die berühmte Canzone „Stride la vampa“ (Akt 2, 1. Bild) am wenigsten gelingt. Zu uneben, zu unstet die Stimme, riesig die Registerunterschiede. Alles andere ist singulär: ein Brustregister so tief wie der Mariannengraben, ein Vibrato wie ein Bohrmaschine, eine Stimme wie ein Traktor. Dabei kann Dolora Zajick auch Linie, ihr Gefühl für dramatische Gestaltung ist exquisit. Ein großes Erlebnis, hat man sich erst einmal an Dimensionen und Eigenarten ihres Mezzos gewöhnt.

Anna Lapkovskaya Trovatore Staatsoper Berlin

So was nennt man Turmfrisur: Anna Lapkovskaya in Il Trovatore / Foto: Matthias Baus

Einen idealen (und glatzköpfigen) Hauptmann Ferrando singt Adrian Sâmpetrean mit sehr guter vokaler Beherrschung und gleichmäßiger Tonproduktion. Inez liegt bei Anna Lapkovskaja und ihrem frischen Mezzosopran in sorgfältigen Händen, der Ruiz bei Tenor Florian Hoffmann.

Die gestalterischen Visionen Daniel Barenboims kennt man. Beim jüngsten Berliner Troubadour hält sich Barenboim zurück. Das pastose Zwielicht einer Einleitung hier, lebhafte Holzbläserschnipsel da, die übliche Dosis Genie beim Abphrasieren dort, mehr hört man kaum.

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