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RSB Marek Janowski Frank Peter Zimmermann Tschaikowsky Rachmaninow Sinfonie Nr. 2

Marek Janowski und Frank Peter Zimmermann spielen Tschaikowsky und Rachmaninow / Foto: facebook.com/rsbOrchester/

Liebe Klassik-Fans. Machen Sie es nicht so wie ich. Jahrelang habe ich Rachmaninow, Tschaikowsky, Skrijabin, Prokofjew gemieden. Sie wissen schon, diese spätromantische bis pseudomoderne russische Musik. BPO, RSB, DSO spielen Rachmaninow? Nee danke, ich höre RBB, Fricsay, Webern. Was hat es gebracht? Jetzt höre ich mir Konzerte an, auf deren Programmzetteln die Namen Rachmaninow, Tschaikowsky, Skrijabin oder Prokofjew stehen. SELBST WENN DIE DEUTSCHEN SPIELEN.

Saison-Ende. Das RSB checkt mit Tschaikowski und Rachmaninow aus.

Frank-Peter Zimmermann gönnt Tschaikowsky Wärme, Ausdrucksfreude, Nuancenreichtum, versonnene Sonnigkeit. Denn Zimmermann ist ein großartiger Künstler. Doch eigentümlich, dass Zierfiguren im Kopfsatz einer gewissen Kauzigkeit zuneigen. Und Zimmermanns notenreiche Doppelgriffkaskaden umgibt eine Aura spröder Knorrigkeit. Geradezu kontrollfreakig widmet Zimmermann jedem Geigenschlenker liebevolle Aufmerksamkeit. Sein Credo: die Parzellierung von Tschaikowskys wilder Leidenschaftslandschaft in autonome Ausdrucks-Communities. Für Befürworter eines Interpretationsansatzes, der es mit einer emotionalen Dampfwalzen-Ästhetik hält, dürfte der heutige Abend eine üble Saure-Gurken-Zeit bedeuten. So fern ist das von der starken Sinnlichkeit eines Vengerov, dem nervösen Temperament einer Kopatschinskaja. Wie verschieden nimmt Zimmermann „seinen“ Tschaikowsky. Dass dennoch jede Note mitsamt Kopf und Hals ein Vergnügen ist, liegt an Zimmermanns unvergleichlicher Spielintelligenz.

Ein Höhepunkt ist die klug sich verströmende Canzonetta. Zimmermanns energischer, bisweilen baritonal singender Ton, sein hypergenaues Vibrato führen hier zu erstklassigen Ergebnissen (Ein Genuss ist die in lerchenhafte Höhen aufsteigende Soloflöte). Man kann von einer Art geigerischen Realismus bei FPZ sprechen. So klingen selbst die solistischen Kunststückchen des Finales wie gefährlicher Humor.

Marek Janowski ist dabei ein Bruder im Geiste. Nur kein Überschwang! Den instrumental gehaltenen Einstieg ins Konzert hält Janowski stenogrammstilartig kurz. Später krächzt es im Blech kantigknallig wie 40er-Jahre-Verdi – rein musikgeschichtlich betrachtet hat das viel für sich. Binnendynamisch werden Stimmen klug ausdifferenziert, aber es ist mir fast zu viel der Sauberkeit beim Aufdröseln von Streicher- und Bläserlinien. Ich höre beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin viel deutsche Zimmermannsmeisterlichkeit und wenig zündenden Russo-Überschwang. So ernst nimmt kaum ein Dirigent das Tschaikowskykonzert. Что думают россияне?

Zimmermanns Zugabe: die vom Geiger gestisch aufgeraute Violinfasssung des g-Moll-Préludes op.23, Nr. 5, von Rachmaninow.

Bei Rachmaninows verschatteter Sinfonie Nr. 2 ist Marek Janowski wieder Herr im Haus. Schön sein Bruckner-orientierter Ansatz einer Unterordnung der Details unter die großen Prozesslinien eines Satzes. Als Zuhörer genieße ich die Wonnen einer hörbar werdenden symphonischen Kohärenz. Eine sehr hörenswerte Interpretation. Janowski bleibt der Meister expansiv-architektonischer Symphonik.

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