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Berliner Philharmoniker Simon Rattle Konzert Philharmonie

Aus und vorbei: Simon Rattle herzt während des Schlussapplauses ausgewählte Holzbläser / Foto: Schlatz

Das ist ein schönes Programm. Es gibt eine Uraufführung, wat Kleinet von Elgar, was Großes von Beethoven und die beschließenden Slawischen Tänze, die sich anfühlen wie zehn Zugaben hintereinander.

Edward Elgars Introduktion und Allegro op. 47 sind ein bravuröses, mutiges Meisterwerk des hierzulande weiterhin unterschätzten Komponisten, und Simon Rattle ist mit Leib, Seele und furchteinflößender Mimik dabei. Haben Sie die luftige Verbindung zwischen Elgar und Beethoven zur Kenntnis genommen? Elgars reine Streicherbesetzung kehrt im Beethoven-Andante wieder.

Julian Anderson ist ein zurückhaltender Mensch, der während der Uraufführung seiner Incantesimi fortwährend zu Boden blickt. Andersons Incantesimi schafft eine dramatische Textur. Das kurze Stück baut sich aus punktgenauen Stößen des Blechs und massiven Gesten des Schlagwerks auf. Gut gefallen mir die halb transparenten Cirruswolken aus hohen Streichern. Reichlich plakativ empfinde ich den Gebrauch des Schlagwerks. Der Beifall ist kräftig, doch kurz. Es gibt mehrere aufrichtige Bravo-Rufe. Hier kann in Ausschnitte aus seinen Werken reingehört werden.

Des Weiteren hört man die Slawischen Tänze op. 46 von Antonín Dvořák, die gleichermaßen einen außerordentlichen rhythmischen wie melodischen Eindruck machen.

Hauptwerk des Abends ist das Klavierkonzert G-Dur von Ludwig van Beethoven. Das Konzert strotzt vor kompositorischem Ehrgeiz. Erstens ist die Einführung des Solos am Satzanfang zweifelslos ein Coup. Zweitens ist der zweite Satz der Archetypus einer aus rein musikalischen Mitteln geschaffenen dramatischen Szene. Krystian Zimerman sitzt am Flügel. Simon Rattle drängt das Konzert zu intensiver Kompaktheit. Rattle wird ja immer schneller, je näher das Ende seiner Karriere als Berliner Ober-Zampano rückt – zumindest bei Beethoven (Der Einstieg in das Presto der Coda im Finale hat denkwürdiges Tempo). Aber Rattle hudelt nicht. Never! Als Gegengewichte gestattet Rattle flüsterleise Fast-Unhörbarkeiten in den Streichern.

Krystian Zimerman ist ein nicht mehr ganz junger, aber dennoch jung und empfindsam wirkender Herr. Er fügt sich Rattles Sauseschritt, ja, trägt ihn mit. Zimerman war früher ein Wunder an Diskretheit, heute spielt mit heiterer Flottheit. Freundlich lächelt er ins Orchester, wenn Fagottist Stefan Schweigert knorrig dudelt. In der Durchführung schwebt Zimermans Rechte im lässigen Bogen durch die weiche Luft, während die Linke mit einer ab- und aufschwingenden Girlande aus chromatischen Sechzehntel-Triolen beschäftigt ist. Im Finale tun beide zwecks Feinabstimmung in Timing-Fragen vor dem Ritornell Nr. 3 mit den Äuglein winken wie frisch Verliebte.

Zimerman spielt einen leichten, stechenden Anschlag. Ich sitze hinter dem Orchester. Hier klingt Zimermans Ton zerborsten wie ein Pinsel Van Goghs nach der Fertigstellung eines Selbstporträts. Die fünf Eingangstakte des Allegros finde ich komplett reizlos. Doch schnell findet Zimerman zu außergewöhnlicher Höhe. Dass sein Rubato auch nur einen Hauch altmodisch wirkt, verhindert der glasklare Ton, der jeder altmeisterlichen Gefühligkeit an die Gurgel geht.

Zimerman trägt Beethoven mit großartiger Klangphantasie, makelloser Sensibilität, bezwingender Differenziertheit vor. Zimermans Staccato-Oktaven (Finale) können sogar linkisch wirken, was ihnen jedoch nichts von ihrer großartigen Folgerichtigkeit, ihrer höheren Richtigkeit nimmt. Das Finale glüht vor Spielwitz. Eine konsequente Unkonzilianz in interpretatorischen Dingen schützt Krystian Zimerman vor jedweder Unerheblichkeit. Pianistische Effekte? Kommt mir nicht in die Tüte! Zimermans Spiel konnte eine Note Klassizismus, ja sentimentalen Kitsches haben. Heute Abend höre ich nur Klarheit.

Keine Zugabe.

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