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Berliner Philharmoniker Jennifer Johnston Andrew Staples John Eliot Gardiner Strawinsky

Selfie in Grün: Jennifer Johnston singt unter John Eliot Gardiner Strawinsky / Foto: twitter.com/jjohnstonmezzo

It’s Neoklassizismus time.

Ein Abend mit John Eliot Gardiner und Igor Strawinsky.

Strawinskys Apollon musagète ist Musik nahe der Nullfettstufe. 32 Streicher zelebrieren 32 Minuten lang eine besonders raffinierte Art von Klangfarbenmonochromie. Dass der Apollon dennoch frisch und sauber klingt, wäre ein Wunder, hieße der Komponist nicht Strawinsky. Derweil erntet Konzertmeister Andreas Buschatz intime solistische Früchtchen (u.a. in der Variation des Apollo).

John Eliot Gardiner trägt Frack, weiße Seidenweste mit raffinierten Applikationen, Fliege und Einstecktuch. Den Dirigenten umgibt die Aura eines freundlichen Elder Statesman. Gestik und Mimik künden vom Ideal gemeinschaftlichen, dezidiert antiautoritären Dirigierens. Gardiner langt in den Tutti zwar beherzt zu, indes geht generell freies Atmen vor Perfektion der Koordination.

Vor der Pause Apoll, nach der Pause Ödipus. Und auch bei Strawinskys Oedipus Rex handelt es sich um Neoklassizismus strengster Observanz. Obzwar ebenfalls kammermusikalischer Durchsichtigkeit verpflichtet, ist diese Bonsai-Oper doch viel mehr als nur Haut und Knochen. Zwischendurch zwitschern die Trompeten. Dann klingt das Blech nach Italo-Western. Und die Holzbläser formen Linien, als hätten sie heikle Origami-Anleitungen auf den Pulten.

Andrew Staples singt den Oedipus mit erfrischend transparentem Tenor und einem Ton, der erstens entspannt, zweitens rund, drittens hell und viertens angenehm unsinnlich ist. Minuspunkte sind die Inflexibilität der Stimmführung und leichte Intonationstrübungen. Grünes Kleid und gute Laune, das ist heute Abend Jennifer Johnston. Die Liverpoolerin macht den Eindruck, als wäre sie frisch aus einer Wagneroper umgetopft worden. Es fehlt nur noch ein Helm mit Hörnern. Doch glücklicherweise ist Johnston auch unbehelmt Herrin über ein überaus temperamentvolles Mezzo-Organ. Im tieferen Brustregister streift sie bisweilen den Sprechmodus und ihr Mezzo kann klanglich versteifen. Johnstons „Oracula, oracula“ sorgt aber definitiv dafür, dass meine Nackenhaare sich vor Vergnügen aufrichten.

Ashley Riches füllt die Partie des Kreon mit kernigem und beweglichem Bassbariton. Gianluca Buratto setzt seine knorrige Bassstimme für den Teiresias ein. Alex Ashworth fällt mit schwarzgefärbtem Bariton auf. Besonders gut gefällt mir Gareth Treseder als Hirte mit frischem, leichtem Tenor, wenn auch kehliger Tiefe. Sprecher ist Altmeister Bruno Ganz. Ich wäre auch zufrieden gewesen, wenn Gardiner die kurzen Texte vorgelesen hätte. Die Männer des Rundfunkchors Berlin singen.

Langer, enthusiastischer Applaus, den ich heute Abend doch nicht erwartete.

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